Gesundheitswesen
Einfacher als Einkaufen

Tote Blindenhunde, Kosmetika auf Kassenkosten, illegal genutzte Chipkarten – Abzocke und Tricksereien kosten die Krankenkassen Milliarden. Doch auch nach der Gesundheitsreform bleiben Betrügereien von Versicherten ein Kinderspiel.
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Auf dem Berliner Stadtplan an der Wand kleben zwei Dutzend bunte Punkte. Die roten markieren Arztpraxen, die grünen Apotheken, die gelben Adressen von Versicherten. Daneben stehen Zahlen: Wie häufig war welcher der drei Patienten bei welchem Arzt? Wie oft wurden in den Apotheken wie viele Rezepte eingelöst? Ein verzwicktes Puzzle, über dem Frank Keller gerade brütet. "Der Kommissar" wird der 47-Jährige hier genannt. In seinem früheren Leben war Keller Zielfahnder der Bundespolizei, heute leitet er in der Hamburger Zentrale der Techniker Krankenkasse (TK) die hauseigene Ermittlungsgruppe. Der Auftrag des Ex-Polizisten: Abzocke und Tricksereien auf Kosten der Kasse aufdecken und die verlorenen Millionenbeträge wieder reinholen.

Am 1. April tritt die Gesundheitsreform in Kraft, das "wichtigste Projekt dieser Legislaturperiode" (Bundeskanzlerin Angela Merkel). Und natürlich lässt die zuständige Ministerin Ulla Schmidt in diesen Tagen keine Gelegenheit verstreichen, die "leider völlig unterschätzten Vorzüge" des schwarz-roten Wunderwerks anzupreisen. Doch all die Jubelreden können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die angebliche Jahrhundertreform in einem entscheidenden Punkt völlig versagt: Milliardenschwere Plünderungen im Gesundheitswesen bleiben auch nach der Reform ein Kinderspiel - während die Beiträge für die Versicherten munter weiter steigen. "Die große Koalition hat nicht den Mut gehabt, das Thema mit der Reform anzugehen", sagt Gabriele Bojunga, Sprecherin der Arbeitsgruppe Gesundheit der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International (TI), "Korruption ist nach wie vor in dem völlig intransparenten System angelegt."

Der Schaden geht in die Milliarden

In die Milliarden gehen die Betrügereien jährlich, schätzt die Expertin von TI - der 250 Milliarden Euro schwere deutsche Gesundheitsmarkt weckt Begehrlichkeiten. Die Kassen selbst sind bei den Zahlen vorsichtiger: Rund 1,5 Milliarden Euro wirtschaften sich Betrüger und Abzocker pro Jahr in die eigenen Taschen, schätzt Gernot Kiefer, Vorstand des für den Bereich Korruption federführenden IKK-Bundesverbandes und Leiter der Arbeitsgemeinschaft Abrechnungsmanipulation im Gesundheitswesen.

Die tatsächliche Summe kennt niemand. Eines jedoch ist sicher: Es ist einfach, das undurchsichtige, verworrene System auszutricksen, das nur noch eine kleine Minderheit von hoch spezialisierten Experten begreift, einfacher als Einkaufen - sowohl bei den gesetzlichen als auch bei den privaten Krankenkassen. Übeltäter finden sich bei allen Anbietern von medizinischen Leistungen, bei Ärzten wie bei Pharmaunternehmen, bei Physiotherapeuten wie bei Hebammen.

Zunehmend geraten jetzt auch die Patienten ins Visier der Ermittler. "Wir sprechen viel zu selten von den Patienten selbst, unter denen gibt es auch viele schwarze Schafe", sagt TI-Expertin Bojunga. "Unser Fokus richtet sich inzwischen weniger auf die Leistungserbringer", berichtet auch Michael Michalke, Referent der Abteilung Leistungsmanagement der privaten Kasse DBV-Winterthur. "Es sind nicht selten die Versicherten selbst, die lügen und betrügen."

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