Gesundheitswesen im Wandel
Eine Frage des Kapitals

Deutsche Krankenhäuser gehören heute entweder den Ländern, Kommunen oder gemeinnützigen Einrichtungen wie Kirchen. Das macht die politischen Entscheidungswege naturgemäß lang. Privatinvestoren könnten da für Abhilfe sorgen. Wie Deutschlands Kliniken ihren Weg zwischen Markt und Plan suchen.

BERLIN. Als Jörg Reschke seinen Job als Chef des soeben privatisierten Klinikums Berlin-Buch antrat, staunte er nicht schlecht. Zwischen renovierungsbedürftigen Gebäuden und veralteter Medizintechnik stand ein brandneuer Sterilisator, originalverpackt und unbenutzt. Schon zwei Jahre zuvor hatte die Klinik das Gerät für eine halbe Million Euro angeschafft. Seither stand es herum – nutzlos. Denn als der Berliner Senat den Kauf des Sterilisators nach langen Debatten endlich genehmigt hatte, fehlte der Klinik das Geld, um ihn anzuschließen. Was wie eine Anekdote aus der Schlussphase des real existierenden Sozialismus klingt, ist bis heute typisch für die Situation vieler öffentlicher Krankenhäuser. „Sie leiden darunter, dass die politischen Entscheidungswege naturgemäß lang sind“, sagt Harald Schmidt, der für die Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers Krankenhäuser in öffentlicher und in privater Trägerschaft beraten hat.

Auch die Fortsetzung der Geschichte verrät einiges über den Zustand der deutschen Krankenhauslandschaft. Nachdem die Helios-Gruppe das Großklinikum Berlin-Buch 2001 übernommen hatte, investierte der Konzern auf Reschkes Betreiben hin 80 000 Euro, um das mit Steuergeldern gekaufte Gerät zum Herzstück einer leistungsfähigen Zentralsterilisation zu machen. Diese bereitet heute nicht nur das Sterilgut für die 24 Häuser des Klinikums Berlin-Buch auf, sondern versorgt auch die ebenfalls zum Konzern gehörende Emil-von-Behring-Klinik in Zehlendorf am anderen Ende der Hauptstadt. Die Investition zahlte sich rasch aus, denn zuvor bereiteten allein in Berlin-Buch Klinik-Mitarbeiter an vier Standorten das Sterilgut auf.

„Private Träger können Investitionsentscheidungen viel schneller umsetzen, zumal wenn sie wie das Rhön-Klinikum oder Helios Zugang zum Kapitalmarkt haben“, sagt Schmidt. Gerade bei baulichen Investitionen sei Zeit oftmals Geld. Denn mit einer geschickten Bauplanung, die beispielsweise die diagnostischen Abteilungen und Intensivstationen räumlich zusammenlegt, können Krankenhäuser heute deutlich kostengünstiger geführt werden als früher.

Doch mehr als zwei Drittel der gut 2 200 deutschen Krankenhäuser gehören heute entweder den Ländern und Kommunen oder den Kirchen und anderen gemeinnützigen Trägern. Sie sind damit voll auf die Finanzierung durch die öffentliche Hand angewiesen. Doch die Bundesländer und die Kommunen bringen in den meisten Fällen nur das Geld für die allernotwendigsten Investitionen auf.

Zudem werden bei öffentlichen Investitionen meist nur einzelne Bauabschnitte bewilligt. In der Praxis könne zwischen der ersten und der letzten Bauphase leicht ein ganzes Jahrzehnt vergehen, sagt Schmidt: „Wenn für eine Klinik Richtfest gefeiert wird, ist die dazugehörige Notaufnahme deshalb technisch oft schon wieder überholt.“ In der Zwischenzeit sitze das Krankenhaus weiter auf hohen Betriebskosten, weil es mit den veralteten Strukturen weiterarbeiten muss. Wenn private Ketten Krankenhäuser von der öffentlichen Hand übernehmen, verpflichten sie sich deshalb oft freiwillig, auf öffentliche Fördergelder zu verzichten. Laut Gesetz hätten sie darauf Anspruch, wie jeder andere Krankenhausträger auch.

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