Am 29. September 1950 tritt die DDR dem „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ bei, einem wirtschaftlichen Zusammenschluss sozialistischer Staaten. Doch Josef Stalins Antwort auf den Marshall-Plan der Amerikaner floppt – die Planwirtschaft ist schuld. Eine Handelsblatt-Reportage.
WARSCHAU. Walter Ulbricht schlüpft in die Rolle des Weihnachtsmannes, als er den Arbeitern der Leuna-Werke die frohe Botschaft verkündet. „In diesem Jahr werden die Kinder der Deutschen Demokratischen Republik erstmals seit dem Kriegsende wieder einen vollen Weihnachtsteller erhalten“, ruft er in die riesige Werkshalle und genießt dabei den anschwellenden Beifall. Durch die Aufnahme in den RGW, den „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe“, werde die DDR künftig mehr Rohstoffe und Lebensmittel einführen können.Es ist der 29. September 1950. Tags zuvor hatte Moskau grünes Licht für den Beitritt der DDR zur östlichen Wirtschaftsgemeinschaft gegeben. Zu dieser Zeit ist Ulbricht als Generalsekretär der kommunistischen Einheitspartei SED der starke Mann in der DDR. Bewusst wählt er Leuna für seinen Auftritt, weil das dortige Chemiewerk zu den wirtschaftlichen Trümpfen in der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone zählt. Ihm ist klar, dass das Werk, das insbesondere Kunstdünger produziert, künftig eine wichtige Rolle im Rahmen des RGW-Handels im gesamten Ostblock spielen würde.
Vor allem aber weiß Ulbricht, dass gerade die Belegschaften großer Betriebe in diesen Nachkriegsjahren unter äußerst schwierigen sozialen Bedingungen leben. Wie in anderen europäischen Ländern auch ist die Wirtschaft der DDR schwer von Kriegsschäden gezeichnet. Doch während die Bundesrepublik und andere westliche Staaten massive Aufbauhilfe durch den amerikanischen Marshall-Plan erhalten, wird die DDR durch Demontagen auf Befehl Moskaus zusätzlich geschwächt. „Damals“, erinnert sich der 82-jährige Karl Frenzel aus dem sächsischen Bitterfeld, „haben wir regelrecht gehungert.“
So war die Gründung des RGW am 25. Januar 1949 für die stalinistischen Machthaber in Moskau nicht zuletzt auch eine Antwort auf den Marshall-Plan. „Dem Kreml war zu Ohren gekommen, dass sich Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei in Geheimverhandlungen mit Washington um eine Teilnahme am Marshall-Plan bemühten“, berichtet Heinrich Machowski, der sich am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) lange Jahre mit dem RGW beschäftigte. Diesen Ambitionen von Staaten, die zum sowjetischen Machtbereich zählten, wollte Josef Stalin einen Riegel vorschieben. Heute wissen wir, dass es fast vier Jahrzehnte dauerte, bis dieser Riegel mit dem Zusammenbruch des Sozialismus wieder entfernt wurde.
Der östlichen Zwangsgemeinschaft gehören zunächst die Sowjetunion, Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien an, später kommen die DDR, Albanien und außereuropäische Staaten wie die Mongolei, Vietnam und Kuba hinzu. Nach der RGW-Gründung jubelt die in Ostberlin erscheinende Berliner Zeitung etwas voreilig: „Wir erleben die Geburtsstunde der internationalen Planwirtschaft.“
Doch zunächst, in den frühen fünfziger Jahren, ist der RGW nicht viel mehr als ein System bilateraler Handelsverträge. Ganz nach der Logik der Planwirtschaft folgt der Warenaustausch mehrjährigen Verträgen mit festgelegten Quoten und Preisen. Da die Währungen der Mitgliedsländer nicht konvertibel sind, wird mit dem so genannten Transferrubel als Verrechnungseinheit gezahlt. Dieses System gewährt den Staaten eine gewisse Sicherheit bei Import und Export, verhindert aber ebenso eine marktwirtschaftliche Gestaltung des Außenhandels nach Angebot und Nachfrage ebenso wie eine qualitätsbezogene Preisbildung. Parallel dazu versucht man, die nationale Wirtschaftsplanung der Mitglieder aufeinander abzustimmen. Das aber stößt ebenfalls auf große Probleme, weil die Staaten sehr unterschiedlich entwickelt sind.
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