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29.09.2006 

Mit der Zeit setzt Moskau im RGW ein System der Arbeitsteilung und Spezialisierung durch, das große wechselseitige Abhängigkeiten schafft. „Unsere Reisebusse fuhren irgendwann im ganzen Ostblock herum“, erzählt Tamas Györi aus Budapest, der in den sechziger Jahren beim ungarischen Bushersteller „Ikarus“ gearbeitet hat. Gleiches geschieht mit Dieselloks aus der Sowjetunion, Werkzeugmaschinen und Elektromotoren aus der DDR sowie Kleintransportern aus den baltischen Sowjetrepubliken. Nach 1989 werden die ehemaligen RGW-Länder große Schwierigkeiten haben, ihre auf Grund extremer Spezialisierung überdimensionierten Produktionseinheiten zu reduzieren und den Bedingungen des internationalen Marktes anzupassen.

Parallel dazu entsteht eine gewaltige Bürokratie aus Planungs- und Leitungsgremien, wissenschaftlichen Beiräten, Branchenkomitees und Außenhandelsagenturen, deren Mitglieder sich regelmäßig in den Hauptstädten des Ostblocks treffen. Siegfried Wenzel, der lange als stellvertretender Vorsitzender der DDR-Plankommission tätig war, erinnert sich: „Bei den Treffen der Fachleute ging es ganz menschlich zu. Wir mussten schließlich konkrete Probleme lösen.“ Dagegen, so Wenzel, seien die Konferenzen der Staats- und Regierungschefs sowie anderer Spitzenpolitiker immer sehr steif gewesen, weil die sowjetischen Vertreter stark dominiert hätten. „Als hauptsächlicher Rohstofflieferant saß Moskau einfach am längeren Hebel.“

Wenzels ehemaliger Chef Gerhard Schürer, der 25 Jahre die Plankommission der DDR leitete, will hingegen nicht mehr über „damals“ sprechen. „Bitte respektieren Sie, dass ich mich heute nur noch um meine Kinder und meine vielen Enkelkinder kümmern möchte“, sagt Schürer, der in einer bescheidenen Wohnung im Ostteil Berlins wohnt.

Immerhin hat er sich in seiner 1996 erschienenen Biografie detailliert und kritisch mit den Schwächen der Planwirtschaft und des RGW-Systems auseinander gesetzt. Titel des Buches: „Gewagt und verloren“.

Ein Vergleich der RGW mit ihrem westlichen Pendant, der 1957 gegründeten Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), sowie der daraus entstandenen EU zeigt sehr deutlich, wo die Schwächen des RGW lagen. Trotz Brüsseler Bürokratie und Reglementierungswut, trotz Zollschranken, Milchquoten und endloser Entscheidungsprozesse war und ist die EU eine Gemeinschaft mit einem funktionierenden Markt. Die RGW-Staaten hingegen fürchteten stets, ihre Volkswirtschaften dem rauen Wind des Marktes auszusetzen. Ohne Markt aber gab es keine ökonomisch begründeten Wechselkurse und keine realistischen Preise, ohne Privateigentum kein Verantwortungsbewusstsein der Akteure.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Als wirtschaftlichen Probleme immer häufiger hervortreten, tritt der Kreml die Flucht nach vorne an.

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