Trotz aller Schwächen des Systems und der Gängelung aus Moskau konnten die kleineren RGW-Staaten aber auch profitieren von dem wirtschaftlichen Verbund. Das gilt beispielsweise für den Bezug billiger Rohstoffe ebenso wie für die kostenlose Übernahme von Patenten. Letzteres sehr zum Ärger derjenigen Staaten, die diese Patente entwickelt hatten. So empörte sich Walter Ulbricht während einer Tagung des RGW-Rats im Januar 1956 darüber, dass es, wie er sich ausdrückte, in anderen Mitgliedstaaten offenbar Genossen gebe, die die Zeiss-Werke der DDR als eine Art Selbstbedienungsladen betrachten. „In allen Ländern tauchen gegenwärtig Produktionen von Zeiss-Patenten auf, während unser eigener Absatz nicht mehr gewährleistet ist“, schimpfte Ulbricht.
Ab Ende der 1970er-Jahre treten die wirtschaftlichen Probleme der RGW-Staaten dann immer deutlicher hervor. Die Führungen im Ostblock, die ihren Bürgern nicht den versprochenen Wohlstand bieten können, verlieren immer mehr an Autorität und Ansehen. Die Unzufriedenheit mit den Verhältnissen wächst, wobei der Blick auf den Westen und das wachsende Wohlstandsgefälle zwischen den kapitalistischen und den sozialistischen Ländern das ihre tun. Überall im Ostblock gewinnen Dissidenten und Oppositionelle an Einfluss. Trotz einiger halbherziger Reformen zeichnet sich ab, dass das RGW-System in absehbarer Zeit zusammenbrechen wird.
In dieser ausweglosen Situation ist es vor allem der Kreml, der die Flucht nach vorn antritt. Nach dem Amtsantritt von Michail Gorbatschow als Generalsekretär der KPdSU 1985 fordert der sowjetische Ministerpräsident Nikolai Ryschkow eine radikale Umstellung des RGW-Handels auf die Bedingungen des Weltmarktes. „Wir wollen, dass die Preise der Weltmärkte künftig ungefiltert und ohne Schonzeit gelten und dass die international üblichen Zahlungsbedingungen angewandt werden“, erklärt Ryschkow. Außerdem fordert er die völlige Umstellung des Warenaustausches auf Zahlungen in konvertiblen Währungen. Doch dazu kommt es nicht mehr. 1989/90 bricht das ganze sozialistische System zusammen, und die nunmehr unabhängigen RGW-Länder gehen ökonomisch ihre eigenen Wege.
Die letzte Tagung des RGW-Rates am 9. Januar 1990 symbolisiert den Umbruch im gesamten Ostblock. Im riesigen Kulturpalast der bulgarischen Hauptstadt Sofia sitzen Anhänger und Gegner der neuen Zeiten an einem Tisch. Während die Delegation der DDR unter Leitung von Regierungschef Hans Modrow Übergangsfristen aushalten will, können die Delegierten Ungarns und anderer stark reformorientierter Staaten das Ende des RGW kaum erwarten. „Meine ungarische Kollegin Piroschka Apro glühte vor Begeisterung ob der schönen Zeiten, die nun anbrechen würden“, berichtet Dietrich Lemke, der als Vize-Außenhandelsminister zur Delegation der DDR gehörte. Der Rumäne Radu Stancu dagegen habe nur finster dreingeschaut. „In Sofia schwante mir zum ersten Mal, dass ein Tag kommen könnte, an dem man Leute wie mich nicht mehr braucht, weil es den Außenhandel, den ich kenne, nicht mehr gibt“, erzählt Lemke.
Ganz so schlimm kommt es dann doch nicht. Viele ehemalige RGW-Funktionäre haben den Sprung in die neuen kapitalistischen Zeiten geschafft. Einige sind bis heute in deutschen Unternehmen tätig. Ihr Kapital: exzellente Kenntnis des Landes, hervorragende Kontakte und das Beherrschen der russischen Sprache.
Am 28. Juni 1991 dann wird der RGW offiziell aufgelöst. Mit Hilfe von Freunden gelingt es DIW-Ökonom Heinrich Machowski, sich in die ungarische Delegation im Exekutivkomitee zu schmuggeln. „Das war wie eine Beerdigung“, sagt Machowski und schmunzelt. „Das formale Ende einer Organisation, die schon vorher gestorben war.“
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