Gewerkschaft fordert neue Agenda gegen Krise
IG Metall plant Initiative für kürzere Arbeitszeiten

Ein Vierteljahrhundert nach dem umkämpften Einstieg in die 35-Stunden-Woche will die IG Metall das Thema Arbeitszeitverkürzung neu auf die Agenda setzen. Grund hierfür ist die prognostizierte geringere Produktionsmenge in den kommenden Jahren. Die Gewerkschaft wirft damit die alte Streitfrage wieder auf, ob kürzere Arbeitszeiten für mehr Beschäftigung sorgen.

BERLIN. „Wir brauchen diese Diskussion“, sagte der IG-Metall-Chef des Schlüsselbezirks Baden-Württemberg, Jörg Hofmann. Er begründete dies damit, dass sich die Metallindustrie mit ihren derzeit 3,6 Millionen Beschäftigten wegen der Wirtschaftskrise für etliche Jahre auf verringerte Produktionsmengen einstellen müsse. „Dies sozialverträglich auf Dauer abzufangen, dafür reichen unsere heutigen Instrumente nicht über den Zeitraum der Krise hinaus.“

Damit wirft die IG Metall unter neuen Vorzeichen die alte Streitfrage wieder auf, ob kürzere Arbeitszeiten für mehr Beschäftigung sorgen. In den vergangenen Jahren hatte in weiten Feldern der Tarifpolitik die Lesart von Arbeitgebern und Ökonomen die Oberhand gewonnen, wonach auf längere Sicht die Höhe der Arbeitskosten über die Beschäftigung entscheidet. Nach dieser Lesart wären zumindest Arbeitszeitverkürzungen mit Lohnausgleich kontraproduktiv.

Anders als vor 25 Jahren soll sich der neue Vorstoß indes nicht mehr allein auf die Stundenzahl pro Woche konzentrieren. Nun gehe es darum, „alle Facetten“ von der Wochenarbeitszeit „bis zur Verkürzung der Lebensarbeitszeit“ aufzunehmen und auf differenzierte Bedürfnisse und Arbeisrealitäten abzustimmen: „Hier steht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf deutlich an erster Stelle“, sagte Hofmann. „Aber auch das Interesse an zusätzlichen Freiräumen für Qualifizierung und berufliche Neuorientierung nimmt zu.“

Damit deutete der Gewerkschafter ergänzend einen Aspekt an, den auch Arbeitgeber oft zumindest als positive Nebenfolge der massiven Arbeitszeitverkürzung von einst 40 auf 35 Stunden pro Woche bewerten: Unter dem Druck einer Neuorganisation der Arbeitsabläufe setzte sich in der Metallindustrie eine starke Flexibilisierung der individuellen Arbeitszeiten durch. Die Hauptzielrichtung seiner Überlegungen definiert Hofmann indes anders: „Damit die Krisenlasten nicht nur auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden, ist es nur gerecht, hier die Arbeitgeber in die Verantwortung zu bringen.“

Förmlicher Anlass des Vorstoßes war der 25. Jahrestag des Metallerstreiks für die 35-Stunden-Woche: Im Juli 1984 stimmten die Arbeitgeber nach siebenwöchigem Arbeitskampf einem Stufenplan zur Abkehr von der 40 Stunden-Woche zu. Umgesetzt wurde dieser in den Jahren 1990 bis 1995. Das Ergebnis gilt bisher indes nur im Westen. Ein Streik für die 35-Stunden-Woche im Osten endete für die IG Metall 2003 im Desaster einer Niederlage. Dort gibt der Tarifvertrag bis heute 38,5 Stunden vor.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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