Gewerkschaft IG BCE
Schmoldt bereitet seine Nachfolge vor

Tarifrunden der chemischen Industrie laufen meist ohne viel Krach und Spektakel, ganz anders als etwa bei Metall. Ähnlich verhält es sich mit Führungsfragen: Michael Vassiliadis war bei der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) bereits "Kronprinz", als sich die IG Metall noch harte Machtkämpfe um den Aufstieg Berthold Hubers zum Spitzenmann lieferte. Heute wird Vassiliadis vom IG-BCE-Vorstand in Hannover offiziell und nach aller Voraussicht wieder ohne Krach als Nachfolger von Hubertus Schmoldt nominiert.

BERLIN. Mit 64 Jahren, davon 14 Jahre als Gewerkschaftschef, will dieser auf dem IG-BCE-Kongress im Oktober nicht erneut antreten.

Der vordergründig stärkste Einschnitt für die in vielerlei Hinsicht auf Kontinuität bedachte IG BCE betrifft das Lebensalter: Mit 45 ist Vassiliadis nicht nur fast zwei Jahrzehnte jünger; er wird auch NGG-Chef Franz-Josef Möllenberg als jüngsten Vorsitzenden im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) ablösen. Schon seit 2004 gehört er dem geschäftsführenden Hauptvorstand der IG BCE an, zuständig für Betriebsräte, Bildung, Jugend.

Wer mit ihm über künftige Herausforderungen spricht, hört Töne, mit denen die IG BCE schon bisher aus dem DGB-Konzert herauszustechen pflegt: Für Deutschland eine "strategische Industriepolitik" zu konzipieren und die Akzeptanz neuer Technologien (zum Beispiel Gentechnik) zu fördern, stuft er als "Riesenthema" ein. Klimaschutz sieht er weniger als ein Aufgabenfeld für strenge Regulierung, umso mehr hingegen als eines für technologische Innovation.

Die Debatte über Unternehmensmitbestimmung will er lieber "qualitativ" als formal-abstrakt geführt wissen. Und im Verhältnis der Gewerkschaften zu politischen Parteien weist er dem Kriterium "Gestaltungsmacht" eine wichtige Bedeutung zu. Das darf man als Fingerzeig in Richtung SPD interpretieren, der Vassiliadis seit 1981 angehört - als ein "programmatischer Realist", wie er sagt. Auch damit steht er in der Tradition von Schmoldt und dessen Vorgänger Hermann Rappe. Konkret zeigte sich diese Tradition etwa darin, dass sich die IG BCE unter Schmoldt nicht in eine Totalopposition gegen "Agenda 2010" und "Rente mit 67" treiben ließ. Dafür fand sie in der Politik mit praktischen Änderungs- und Ergänzungsvorschlägen umso mehr Gehör.

Ihre Ursprünge hat diese Tradition in einem harten Richtungskampf der alten IG Chemie vor 30 Jahren, den der "Realoflügel" zunächst nur knapp gegen ein kämpferisches linkes Lager gewann. Ein Fundament dieser Tradition ist das seither gewachsene spezifische Modell einer auf friedlichen Interessenausgleich angelegten Sozialpartnerschaft zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern in der chemischen Industrie.

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