Gewerkschaft NGG
Lehrstunde der Zigarrenmacher

Passend zum Bildungsgipfel steuerte die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in dieser Woche ein paar interessante Reminiszenzen bei. Mehrere Redner griffen die Gründnungsgeschichte der NGG auf. Als Blaupause für Bildungspolitik des 21. Jahrhunderts taugt das nur bedingt. Die Geschichte erklärt aber zum Teil, warum die zweitkleinste Organisation unter dem Dach des DGB ein besonderes Selbstbewusstsein pflegt.

BERLIN. Passend zum Bildungsgipfel steuerte die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in dieser Woche ein paar interessante Reminiszenzen bei. Gleich mehrere Redner auf dem NGG-Gewerkschaftstag in Berlin, darunter Arbeitsminister Olaf Scholz, griffen aus gegebenem Anlass die Gründungsgeschichte der stolzen alten Organisation auf: Im 19. Jahrhundert waren es allen voran die Zigarrenarbeiter, die etwas gegen die damalige Bildungsmisere unternahmen.

Sie organisierten sich ihre mühselige Arbeit so, dass jeweils einer den anderen Kollegen bei der Arbeit aus Zeitungen und politischen Schriften vorlesen konnte. So vermittelten sie sich auf eigene Faust intellektuelle Fähigkeiten, die ihnen sonst verwehrt geblieben wären. 1865 entstand daraus, als erste überregionale Gewerkschaftsorganisation, der Allgemeine Deutsche Cigarrenarbeiterverein – ein Vorläufer der heutigen NGG.

Als Blaupause für Bildungspolitik des 21. Jahrhunderts mag diese Gründungsgeschichte nur bedingt taugen. Sie steht aber auch für eine praktische, zupackende Form von Gewerkschaftsarbeit, wie sie nicht nur dem Bundesarbeitsminister gefällt. Überdies erklärt die Geschichte zum Teil, warum die mit gut 200 000 Mitgliedern zweitkleinste Organisation unter dem Dach des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) nach wie vor ein besonderes Selbstbewusstsein pflegt.

„Niemand“, sagt der soeben im Amt bestätigte NGG-Chef Franz-Josef Möllenberg, habe im Gewerkschaftslager „so viel Betriebsnähe und spezifisches Know-how wie wir“. Dieses besondere Selbstbewusstsein zeigte sich auch schon, als die NGG vor einigen Jahren der Versuchung widerstand, zusammen mit ÖTV & Co. zur Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zu fusionieren. Während die neue, zehn mal so große Verdi-Organisation an allerlei strukturellen Schwerfälligkeiten laboriert, zeigt die NGG keinerlei Reue über ihren Sonderweg.

Dabei hat sie es im Kleinen bereits mit einem ähnlich sperrigen Portefeuille an Branchen und Betrieben zu tun wie die „Multibranchengewerkschaft“ Verdi. Nur hat die NGG dabei keinen einzelnen großen Flächentarif, für den sie regelmäßig mit Streiks das ganze Land auf sich aufmerksam machen könnte. Sie deutet es als Vorteil aus: Insgesamt 3 400 unterschiedliche Tarifverträge, vorwiegend Firmenverträge, seien eben Ausweis einer sehr differenzierten Tarifpolitik.

Ihre mit mehr als 800 000 Beschäftigten größte Branche ist ausgerechnet das kleinteilige Hotel- und Gaststättengewerbe, das sich naturgemäß etwa so schwer gewerkschaftlich organisieren lässt wie Verdis Friseurhandwerk. Noch undankbarer ist die Lage in der fleischverarbeitenden Industrie, wo es nicht einmal einen Arbeitgeberverband als Verhandlungspartner für Tarifverträge gibt.

Das erklärt, warum die NGG stets in vorderster Front mit Verdi für Mindestlöhne und strenge Regeln im Bereich der Zeitarbeit kämpft. Nicht minder engagiert tritt dieselbe Gewerkschaft indes bei anderen Anlässen gegen staatliche Regelungswut ein – so etwa gemeinsam mit der Ernährungswirtschaft gegen Werbeverbote und Reglementierungen für Süßwaren und andere Genussmittel.

Zu den Besonderheiten der NGG gehört auch eine ausgeprägte Kontinuität an der Spitze. Mit 55 Jahren ist Möllenberg zwar der derzeit jüngste Vorsitzende in den Reihen des DGB. Zugleich aber ist er mit bereits 16 Amtsjahren auch der dienstälteste deutsche Gewerkschaftschef. Dieser Status beschert ihm nebenbei zuweilen ebenso einflussreiche wie undankbare Zusatzaufgaben: Wenn an der Spitze des Dachverbands DGB Personalfragen zu klären sind – wie zuletzt bei der etwas holprigen geratenen Ablösung von Ursula Engelen-Kefer als Vizechefin – fällt die Rolle des Koordinators an Möllenberg, einen passionierten Pfeifenraucher.

Rauchwaren sind für die kleine Gewerkschaft ohnehin nach wie vor ein besonders stolzes Kapitel: Ihre Tarifverträge in der Zigarettenindustrie rangieren ganz am oberen Ende der Lohnskala und müssen keinen Vergleich mit jenen der Metallindustrie scheuen. Und während der IG Metall mit ihrer Acht-Prozent-Forderung gerade harter Kritik ausgesetzt ist, verhandelt die NGG zu gleicher Zeit ungerührt über 8,5 Prozent mehr Lohn – allerdings nicht für 3,6 Millionen, sondern nur für 9 000 Beschäftigte.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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