Gewerkschaften
Tarifkonkurrenz entfacht Streikwelle

Kleine Berufs- und Spartengewerkschaften haben die Auseinandersetzungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern verschärft. Experten sehen eine Ursache darin, dass die kleinen Organisationen in Konkurrenz zu den etablierten Branchengewerkschaften stehen. Auch diese treten wieder offensiver auf, um tarifpolitisches Terrain abzusichern.

BERLIN. Die klassischen großen Branchen-Tarifrunden verlaufen im Krisenfrühjahr 2009 eher moderat - dafür führt eine wachsende Zahl kleinerer Konfliktherde immer häufiger zu Streiks: In Stuttgart fielen am Montag zahlreiche Flüge einem Streik der dortigen Fluglotsen zum Opfer. Für den heutigen Dienstag haben die Gewerkschaften Verdi und GEW die Fortsetzung ihres Arbeitskampfs an Kindergärten angekündigt. Und für kommende Woche ruft die Spezialgewerkschaft Ipso 1 500 Mitarbeiter der Europäischen Zentralbank (EZB) zu Warnstreiks auf. Demgegenüber hatten die Tarifparteien der Bauwirtschaft am Samstag, wenn auch per Schlichtung, unerwartet rasch eine friedliche Einigung ihres Lohnkonflikts erzielt.

Die Ereignisse sind damit nach Einschätzung von Hagen Lesch, Fachmann für Arbeitsbeziehungen am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW), typisch für die jüngsten Verschiebungen in der deutschen Tariflandschaft. Mit dem seit einigen Jahren selbstbewussteren Auftreten von Berufs- und Spartengewerkschaften habe "die Schärfe der Auseinandersetzungen in der Tendenz zugenommen", sagt Lesch. Zum einen gebe es eine größere Zahl von Konflikten, in denen Berufsorganisationen in Konkurrenz zu etablierten Branchengewerkschaften um tarifliche Anerkennung kämpfen. Zum anderen sei nun eine Gegenreaktion bei Verdi & Co. zu verzeichnen. Auch sie legten inzwischen ein "insgesamt offensiveres Auftreten" an den Tag - vor allem dort, wo es aus ihrer Sicht gefährdetes tarifpolitisches Terrain abzusichern gelte.

Hinter den Streiks am Flughafen Stuttgart steht die 2003 gegründete Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF). Wie schon zuvor an anderen Flughäfen will sie dort neue Tarifregelungen für das Personal der Vorfeldkontrolle durchsetzen. Nachdem die GdF bei der Deutschen Flugsicherung (DFS) bereits als Tarifpartei etabliert ist, engagiert sie sich damit verstärkt für Beschäftigte der Airport-Betreiber. Bis zum Nachmittag fielen 40 Flüge aus. Die Flughafen Stuttgart GmbH und die (DFS) kritisierten das Verhalten der GdF als unverhältnismäßig. Wegen eines Konflikts, der zehn Flughafenmitarbeiter betreffe, werde "praktisch ein ganzer Flughafen lahm gelegt".

Bei den Kindergärten sind laut Verdi und GEW heute wieder mehr als 20 000 Beschäftigte zu Streiks aufgerufen. Die kommunalen Arbeitgeber wollen auf einer Mitgliederversammlung ihre Position zu der Forderung nach einem Gesundheitsschutz-Tarifvertrag bestimmen. Verhandlungen darüber gab es bisher noch nicht. Nach Einschätzung Leschs verfolgt Verdi in diesem Konflikt auch das Ziel, im öffentlichen Dienst neue Streikmacht zu organisieren, nachdem dort alte Bastionen wie die Müllwerker nicht mehr so stark seien.

Die Gewerkschaft Ispo will bei der EZB für mehr Mitbestimmung und bessere Pensionsregelungen kämpfen. Bereits vor der jüngsten Bau-Tarifeinigung war demgegenüber auch die Tarifrunde der IG Metall in der Stahlindustrie recht moderat verlaufen. In diesen beiden Bereichen ist bisher keine Gewerkschaftskonkurrenz erkennbar.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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