Gewerkschaftsboss Frank Bsirske
Freiflug ins Abseits

So hatte sich Gewerkschaftsboss Frank Bsirske seinen Sommerurlaub sicher nicht vorgestellt. Während sich der Vorsitzende der mächtigen Dienstleistungsgewerkschaft Verdi mit seiner Ehefrau unter Palmen in der Südsee erholt, erregt er zu Hause mit dieser Reise die Gemüter. Neben Bsirske steht ein ganzes System zur Debatte.

BERLIN. Der Verdi–Vorsitzende Frank Bsirske gerät wegen eines Gratisflugs mit der Lufthansa in die Südsee auch im eigenen Lager unter Druck. Zwar wollte zunächst kein anderer Gewerkschaftschef offen Kritik üben. „Wir mischen uns nicht in die Angelegenheiten von Schwestergewerkschaften ein,“ hieß es zur Begründung.

Die einen regten sich über das Gratisticket auf. Andere über den Umstand, dass Bsirske gewissermaßen in letzter Minute mit der kurz darauf von Verdi bestreikten Airline in den Urlaub enteilt war. „Die Empörung bei vielen ist jedoch sehr groß,“ sagte der Vertreter einer großen Gewerkschaft dem Handelsblatt, der in mehreren Aufsichtsräten sitzt. „Ein solches Verhalten käme für mich niemals in Frage.“ Vertreter von CDU und FDP forderten den Rücktritt Bsirskes.

Mit Ursula Engelen-Kefer wagte sich lediglich ein ehemaliger Gewerkschaftsfunktionär aus der Deckung. Sie sei doch „sehr erstaunt gewesen“ als sie von der Urlaubsreise des Verdi-Chefs mitten im Tarifkonflikt mit der Lufthansa erfahren habe. „Das wirft schon die Frage auf, ob Bsirske da die angemessene Sensibilität und das richtige Augenmaß hat walten lassen,“ sagte die ehemalige stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) dem Handelsblatt.

Bsirske hatte seine Südseereise kurz vor dem Beginn des Verdi-Streiks mit der Lufthansa angetreten, der am vergangenen Freitag mit einem Tarifkompromiss beigelegt wurde. Er hatte dazu nach Angaben der Lufthansa und der Gewerkschaft Verdi auf ein Freiflugkontingent zurückgegriffen, das ihm als stellvertretendem Vorsitzenden des Lufthansaaufsichtsrat wie jedem anderen Aufsichtsratsmitglied zusteht. Er werde den geldwerten Vorteil, den die Bildzeitung auf rund 10 000 Euro bezifferte, auch versteuern, betonte ein Verdi-Sprecher.

Wie das Handelsblatt ergänzend erfuhr, werden solche Kontingente auch von Vertretern der Arbeitgeberseite im Aufsichtsrat regelmäßig genutzt. Auch frühere Chefs der Vorgänger-Gewerkschaft von Verdi – der ÖT – wie deren langjährige Vorsitzende Monika Wulf-Matthies sollen ausgiebig davon Gebrauch gemacht haben. Ein Kontingent an Freiflügen oder Flügen zu Sonderkonditionen steht auch einfachen Mitarbeitern der Airline zur Verfügung.

Engelen-Kefer wies denn auch jede Unterstellung zurück, Bsirske würde sich durch solche Vergünstigen in seiner Interessenvertretung für die Beschäftigten der Fluggeselschaft beeinträchtigen lassen. „Im Gegenteil, ich habe Herrn Bsirske immer wieder als einen besonders engagierten Gewerkschafter erlebt, ob bei den Hartz-Reformen oder dem Kampf gegen die Rente mit 67.“ Dagegen hieß es im Umfeld des Chefs der Gewerkschaft NGG, Franz-Josef Möllenberg: „Unser Chef würde so etwas niemals tun.“ Möllenberg sitzt unter anderem im Aufsichtsrat der Südzucker AG.

Seite 1:

Freiflug ins Abseits

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%