Gewerkschaftstag in Leipzig
Neuer IG-Metall-Chef stellt 35-Stunden-Woche in Frage

Der neue Vorsitzende der IG Metall rüttelt an einem Denkmal der Gewerkschaft: Er stellt die 35-Stunden-Woche in Frage, weil sie in den meisten Fällen nur noch auf dem Papier steht und die Beschäftigten real länger arbeiten. Huber schlägt vor, die starre Vorgabe zu ersetzen.

HB LEIPZIG. Dafür sei es höchste Zeit, weil der tariflich vereinbarten Arbeitszeit von 35 Stunden eine durchschnittliche effektive Arbeitszeit von 39,9 Stunden gegenüber stehe, sagte Huber am Mittwoch in einer Grundsatzrede auf dem Leipziger Gewerkschaftstag. Die Differenz sei so groß wie nie zuvor. Die Arbeitszeit müsse stärker nach individuellen Erfordernissen gestaltet werden und könne heute nur mit differenzierten Vereinbarungen geregelt werden. Die Arbeitsabläufe seien immer unterschiedlicher.

Die IG Metall habe mit der 35-Stunden-Woche einen Markstein für eine menschengerechtere Arbeitszeit gesetzt, sagte Huber. „Das ist keine Monstranz, die man einfach vor sich hertragen kann“, schränkte er aber ein. „Wir müssen Arbeitszeit vor allem dort wirksam begrenzen, wo jede Minute zusätzliche Arbeitszeit eine Zumutung ist“, rief er den knapp 500 Delegierten zu. „Wir sehen doch gerade in den hoch qualifizierten Bereichen, dass unsere klassischen Regelungsinstrumente oft nicht mehr greifen.“

Damit fasst Huber gleich zu Beginn seiner Amtszeit ein heißes Eisen an, denn für die Einführung der Arbeitszeitverkürzung auf 35 Wochenstunden hatte die größte deutsche Gewerkschaft Mitte der 1980er Jahre gestreikt. In der Gewerkschaft ist umstritten, ob die IG Metall im Zuge der Öffnung der Tarifverträge an der 35-Stunden-Woche festhalten soll.

Durch das 2004 vereinbarte „Pforzheimer Abkommen“ können Firmen unter bestimmten Bedingungen bereits von Tarifstandards abweichen. Das Abkommen wird von vielen Unternehmen genutzt und gilt als Erfolgsmodell für Restrukturierungen in der Metall- und Elektrobranche. Inzwischen werden in der Gewerkschaft allerdings Forderungen lauter, die Abweichungen nicht ausufern zu lassen. Vor allem die Arbeitszeit dürfe nicht angetastet werden, fordern viele.

Huber sprach sich für eine stärkere Orientierung der Tarifpolitik an Belangen der Unternehmen aus. Die Mitglieder müssten zudem stärker in die Tarifpolitik eingebunden werden. Die IG Metall rücke damit nähe an den Betrieb. Zugleich betonte Huber aber auch die Notwendigkeit, den Flächentarifvertrag zu stärken.

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