Gewerkschaftstag
Verdi sucht „Steuerungsfähigkeit“

Wenn die gut 1 000 Verdi-Delegierten kommende Woche in Leipzig ihren Gewerkschaftstag abhalten, schließt sich ein Kreis: Vor genau sieben Jahren wäre am gleichen Ort fast die Gründung der neuen Großorganisation gescheitert. Und auch jetzt noch kämpft die einst als Zukunftsmodell aus der Taufe gehobene Organisation mit den Hypotheken ihrer Vorgeschichte.

BERLIN. Damals wollte die Gewerkschaft Öffentliche Dienste Transport und Verkehr (ÖTV) ihrem damaligen Chef Herbert Mai auf dem Weg zur geplanten Fusion mit vier anderen Gewerkschaften nicht weiter folgen. Mai trat zurück – und buchstäblich über Nacht rief man einen unbekannten ehemligen Bezirksfunktionär aus Niedersachsen herbei, um die klaffende Lücke zu füllen: Frank Bsirske.

Um seine Bekanntheit muss sich der 55-jährige heute gewiss keine Sorgen mehr machen. Für etliche Wirtschaftsführer ist er inzwischen geradezu der Idealtypus einer linken Hassfigur. Das wird ihn aber am allerwenigsten hindern, am Dienstag, sechs Jahre nach der endgültigen Verdi-Gründung, erneut als Vorsitzender bestätigt zu werden. Während sich die selbstgewisse IG Metall zuletzt allerlei Führungsgerangel geleistet hat, ist Bsirske, der drei Jahre lang Personaldezernent von Hannover war, die Konstante in einer ansonsten ziemlich unübersichtlichen Großorganisation.

Einige Probleme sind offenkundig: Die Zahl der Verdi-Mitglieder ist seit 2001 um mehr als eine halbe Million auf nun unter 2,3 Millionen gesunken. Mit 20 Prozent ist der Rückgang deutlich stärker als im Durchschnitt der übrigen DGB-Gewerkschaften. Und Indizien für eine Umkehr „dieses inzwischen langfristigen Trends sind derzeit nicht auszumachen“, diagnostiziert etwa der Konstanzer Gewerkschaftsforscher Berndt Keller.

Zugleich ist ausgerechnet Verdi in den vergangenen Jahren unter besonderen tarifpolitischen Druck durch neue Berufsgewerkschaften geraten: Nach den Lufthansa-Piloten machten sich Fluglotsen, Flugbegleiter und zuletzt Krankenhausärzte auf, um ihre Interessen auf eigene Faust zu vertreten. Bis auf die aktuell besonders störrisch auftretenden Lokführer bewegen sich alle auf angestammtem Verdi-Terrain.

Eine Erklärung dafür liefert der Umstand, dass Verdi noch immer mit den Folgen der Gründung durch Fusion aus fünf Einzelgewerkschaften ringt. Zwar konnte Verdi genau deshalb mit der enormen Zahl von 5 000 hauptamtlichen Mitarbeitern starten – doppelt so vielen wie die nach Mitgliedern etwa gleich große IG Metall hat. Doch statt Chance war das eher Hypothek: Riesige Haushaltsdefizite erzwangen heftige Einschnitte. Da Personalabbau bei Gewerkschaften aber stets besonders sozial abgefedert sein muss, litt die Effizienz der Organisation.

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