Giftmüll an der Fassade

Entsorgungskrise verteuert das Bauen

Neuerdings gilt eine Chemikalie, die vor allem in Dämmmaterial steckt, als gefährlicher Abfall. Viele Müllverbrennungsanlagen dürfen sie nicht mehr annehmen. Für die Bauherren ist das eine enorme finanzielle Belastung.
12 Kommentare
Die meisten Müllverbrennungsanlagen dürfen HBCD-haltiges Dämmmaterial nicht mehr annehmen. Quelle: dpa
Mülldeponie

Die meisten Müllverbrennungsanlagen dürfen HBCD-haltiges Dämmmaterial nicht mehr annehmen.

(Foto: dpa)

BerlinDeutschland gilt als Recyclingvorreiter. Jährlich werden von der Bauwirtschaft über 190 Millionen Tonnen mineralischer Bauabfälle zur Wiederverwendung aufbereitet, wiederverwertet oder entsorgt. Dazu kommen jede Menge Dämmstoffe, seit aus Gründen des Klimaschutzes Gebäude zunehmend energieeffizient verpackt werden. Jetzt aber steht die Branche vor einem Entsorgungsengpass. Der Grund ist eine Chemikalie mit dem sperrigen Namen Hexabromcyclododecan, kurz HBCD, das vor allem in Dämmmaterial steckt, aber auch in Textil-Beschichtungen und Kunststoffgehäusen von elektrischen Geräten.

Seit per Anfang Oktober eine EU-Richtlinie in deutsches Recht umgewandelt wurde und HBCD als gefährlicher Abfall gilt, dürfen die meisten Müllverbrennungsanlagen HBCD-haltiges Dämmmaterial nicht mehr annehmen. „Eine fachgerechte Entsorgung ist derzeit vielerorts nicht möglich“, kritisiert der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE). Berichtete der Verband schon vor Tagen, dass Entsorger und Baubetriebe auf den Abfällen sitzenblieben und ein Entsorgungsnotstand drohe, legte er jetzt nach: „Nach unseren Schätzungen droht den Bauherren in Deutschland eine jährliche Mehrbelastung von bis zu 240 Millionen Euro im Jahr, wenn sich nichts ändert.“

HBCD soll die Entflammbarkeit entzündlicher Materialien minimieren. Wegen seiner umweltschädlichen Eigenschaften steht die Chemikalie allerdings schon seit Jahren im Fokus der Behörden. Seit 2014 gilt weltweit ein Herstellungs- und Verwendungsverbot. Eine Ausnahme davon nimmt die EU in Anspruch, heißt es auf der Website des Umweltbundesamtes. Zwar gebe es für die Verwendung als Flammschutzmittel in Dämmstoffen einen Ersatzstoff für HBCD, der nach wissenschaftlichen Erkenntnissen günstigere Umwelteigenschaften habe. Damit die Hersteller von Dämmstoffen aber ausreichend Zeit hätten, HBCD zu ersetzen, habe die europäische Kommission die Verwendung von HBCD in Dämmmaterialien bis August 2017 zugelassen.

Damit wird indes immer neuer gefährlicher Abfall produziert, der immer dann verwertet werden muss, wenn Häuser abgerissen oder saniert werden. „Mit Inkrafttreten der europäischen Verordnung haben tausende Haushalte in Deutschland faktisch Sondermüll an der Fassade kleben“, kritisiert Chris Kühn, wohnungs- und baupolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. „Die Bundesregierung kennt die Problematik, hat es aber wiederholt versäumt, rechtzeitig zu reagieren.“ Viele Hausbesitzer bekämen nun die Quittung dafür, dass die Große Koalition sich nicht von der materialoffenen Förderung verabschieden wollte, sagte Kühn dem Handelsblatt. Die Förderkriterien der KfW-Bank müssten dringend geändert werden. Kühn forderte ein Programm, das gezielt nachwachsende Baustoffe fördert. „Wir wollen Öko statt Giftmüll an den Wänden“, sagte er. Bei der Förderung von Baustoffen müsse der gesamte Lebenszyklus betrachtet werden, nicht nur die Produktionskosten.

Aus Sicht der Wirtschaft ist nicht die Umsetzung von EU-Recht in nationales Recht problematisch, sondern dass Deutschland die Brüsseler Vorgaben noch übertrifft. Der Bundesrat sei mit der Einstufung als gefährlicher Abfall deutlich weiter gegangen als es die EU verlangt, sagte BDE-Präsident Peter Kurth dem Handelsblatt. Die EU-Regelung sehe nur vor, dass HBCD-haltiges Material verbrannt werde. Das sei in der Vergangenheit aber in Deutschland ohnehin geschehen. Jetzt müsse HBCD-haltiges Dämmmaterial aber gesondert entsorgt und schon auf der Baustelle getrennt erfasst werden. „Immerhin sprechen wir von bis zu 60.000 Tonnen Dämmstoffabfällen im Jahr und Verbrennungspreisen von bis zu 4.000 Euro pro Tonne“, sagte Kurth. Zum Vergleich: Vor Inkrafttreten der Regelung lagen die Preise bei rund 200 Euro pro Tonne Baumischabfall, in den auch Dämmstoffplatten hineingemischt werden durften.

Bauindustrie schlägt Alarm
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Giftmüll an der Fassade - Entsorgungskrise verteuert das Bauen

12 Kommentare zu "Giftmüll an der Fassade: Entsorgungskrise verteuert das Bauen"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • "Der Bundesrat sei mit der Einstufung als gefährlicher Abfall deutlich weiter gegangen als es die EU verlangt"....

    Wenn die EU einmal nur ein kleines, faules Ei ins Nest legt, dann kommt der Bundesrat und legt eifrig noch ein dickes, faules Ei dazu.

  • @ Anno Nymicus - korrekt und verstanden !
    Es wird aber net lustig, eher dramatisch :-)

    @Holger
    Thx for Input, die Unterschiede sind mir durchaus bekannt !
    M.e. kommt es dediziert auf das Object an, Größe, Neubau, Altbau-Sanierung und das Budget!

    Wenn ich Dir erzähle, was meine Garagen gekostet haben, dann war es ein richtig guter Deal ;-)

    Have a nice day my friend






  • Haben sich da vielleicht wieder ein paar naive, übermotivierte oder schlaue (an ihre goldene Zukunft in der Industrie vorausdenkende) Politiker von der Entsorgungsindustrie über den Tisch "ziehen" lassen?

  • Entweder ist da kein Problem - oder ich habe es nicht verstanden.

    A) um welche Mengen pro m² Wohnraum Dämmmaterial handelt es sich denn? Komme ich da überhaupt auf ne ganze Tonne bei 200m" ?

    B) wenn das Zeug in Resteuropa verbrannt werden darf: Ist es für die Projektleiter denn wirklich so schwer, den Abtransport zu organisieren?

    Ich habe das Gefühl, hier wird vom Wesentlichen abgelenkt: Die Miet-Zinsen sind beim derzeitigen Zinstief viel zu hoch - und bei den anstehenden Anpassungen der Löhne der Wissensarbeiter im globalen Wettbewerb in Bälde nicht mehr tragbar. Für das Geld, was ein Mitarbeiter hierzulande für seinen Wohnraum aufbringen muss, kann ich in Südostasien 3 Leute einstellen.
    Porter's Clustertheorie (Competitive advantage of nations) ist in weiten Teilen bald Geschichte - da sich die Cluster vom physischen Standort lösen, und nur mehr virtuell eine Rolle spielen werden . Aber diese Szenario scheinen die Herrschaften komplett auszuschließen - s. aktuelle IW-Studie zur Demografie und der Einnahmen/Ausgaben -Entwicklung. (http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/demografischer-wandel-ueberalterung-kostet-staat-milliardeneinnahmen/14677960.html)
    Das wird noch richtig lustig...

  • Herr Eibl, die bromierten Kohlenwasserstoffe dienen dazu das Abbrennen der Styroporisolierungen zu verzögern. Das in die Ziegel integrierte Styropor benötigt diese brandhemmenden Substanzen nicht.

    Es betrifft die heute sehr gebräuchlichen Styropordämmungen.

  • Es ist doch hoffentlich ein noch besseres Ersatzmaterial verfügbar um das alte Gift schnellstmöglich zu entsorgen ? Das Bessere, ist eben der Feind des Guten !

  • Ergänzung !
    Sowohl in diesem Land, als auch in Brüssel werden Entscheidungen vornehmlich von Juristen getroffen, denen betriebswirtschaftliche, technische und ökonomische Zusammenhänge völlig fremd sind.

    Betrachtet man die Lebensläufe der Spezies, so rekrutieren sich diese aus den Nachwuchs-Organisationen der Parteien und waren nur in den wenigsten Fällen unternehmerisch erfolgreich tätig!

    Was soll man da erwarten?

    Ich schon !

    Georg Eibl
    www.ipcge.biz

  • Guten Morgen Community,

    dies betrifft nicht nur VWDS-Systeme. Jeder Ziegel der heute verbaut wird, ist mit Styroporkugeln gefüllt, da sonst die vorgeschriebenen ENV-Werte nicht erreicht werden!

    Es ist bezeichnend, was in Schilda alles umgesetzt wird, für was sich die Experten in Brüssel alles Kompetenz anmaßen !

    Ich habe ein neues Office 75qm mit VWDS eingekleidet, lässt sich mit einer 3,5 KW Luft/Luft Wärmepumpe aus Japan locker beheizen.
    Bin von Öl und Gas unabhängig, da die Preis-Entwicklung völlig unkalkulierbar wird.

    www.ipcge.biz/myoffice

    Erschwinglicher und energieschonender Wohnbau wird durch solche und ähnliche Entscheidung ad absurdum geführt!

    Back to the Roots, lasst uns doch wieder in Höhlen und Zelten leben, dann ist die Welt wieder i.O.

    Gruß Tschortscho Eibl







  • An den gedämmten Häusern sehe ich oft Algen, da funktioniert doch was nicht.

  • Da kommt dabei raus, wenn man sein Haus in Plastik einpackt.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%