Gleichberechtigung in Vorständen Wirtschaft trommelt gegen die Frauenquote

Die Frauenquote für Aufsichtsräte wirkt. In Vorständen herrscht dagegen nahezu Stillstand. Familienministerin Katarina Barley will das ändern. Doch ihr neuer Quotenvorschlag stößt in der Wirtschaft auf harten Widerstand.
Update: 10.01.2018 - 17:02 Uhr 17 Kommentare

„Die Schweinerei ist, dass Mädchen nach der Schule nicht mehr gefördert werden.“

„Die Schweinerei ist, dass Mädchen nach der Schule nicht mehr gefördert werden.“

BerlinFür viele war es ein historischer Schritt, als 2015 die Frauenquote Gesetz wurde. Zwei Jahre später zeigt sich: In den Führungsgremien, in denen die gesetzliche Vorgabe gilt, nämlich den Aufsichtsräten, ist der Frauenanteil tatsächlich gestiegen – und zwar auf 30 Prozent. „Die Quote greift“, sagt Elke Holst, Forschungsdirektorin für Gender Studies am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Doch nicht an allen entscheidenden Stellen.

Denn das „Managerinnen-Barometer“ des DIW, das am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde, zeigt auch: In Unternehmensvorständen hat sich praktisch nichts bewegt. Bei Banken und Versicherungen haben Frauen praktisch keine Chance, in die Vorstände aufzusteigen. Das ruft die Politik auf den Plan. Familienministerin Katarina Barley (SPD) reagierte ungehalten auf den neuerlichen Befund des DIW und brachte eine Frauenquote für Unternehmensvorstände ins Spiel. Die Wirtschaft weist den Vorstoß scharf zurück.

Gesetzliche Quoten für Vorstände privater Unternehmen seien „nicht hilfreich“, sagte Iris Plöger, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), dem Handelsblatt. „Eine Quote für Vorstände wäre verfassungswidrig, sie stellt einen massiven Eingriff in die unternehmerische Freiheit dar.“ Zumal, wie Plöger betonte, über 80 Prozent der Vorstände börsennotierter Unternehmen aus ein bis drei Personen bestünden. „Die Regulierung solcher Kleinstgremien ist unverhältnismäßig.“

Andererseits unterstrich Plöger das große Interesse der Industrie, deutlich mehr weibliche Fach- und Führungskräfte zu gewinnen und zu fördern. „Die Unternehmen haben erkannt, dass sich vor allem durch Vielfalt innerhalb aller Teams optimale Ergebnisse erzielen lassen“, sagte sie.

Der Bundesverband deutscher Banken (BdB) sieht in der Debatte die Geldhäuser am Zug. „Klar ist: Die Finanzwirtschaft ist gefordert, ihre Bestrebungen zu Steigerung des Frauenanteils im Vorstand weiter zu forcieren“, sagte BdB-Sprecher Thomas Schlüter dem Handelsblatt. Er sagte allerdings auch: „Nicht übersehen werden sollte, dass der Anteil von Frauen in Führungspositionen im privaten Bankgewerbe kontinuierlich gestiegen ist.“

Schlüter wies auf eine Studie des Arbeitgeberverbands des privaten Bankgewerbes hin. Danach habe der Anteil von Frauen im außertariflichen Bereich 2005 noch bei knapp 25 Prozent gelegen, bis 2016 sei dieser dann auf 32,5 gestiegen. „Dies ist eine wesentliche Voraussetzung, um den Kreis von künftigen potenziellen Kandidatinnen für den Vorstand wie auch für den Aufsichtsrat zu erweitern, die die speziellen gesetzlichen Anforderungen an Organmitglieder von Banken erfüllen“, so Schlüter. Einer gesetzlichen Quote bedürfe es daher nicht.

Für Barley ist indes ein Frauenanteil von unter zehn Prozent – Realität etwa in den Vorständen der großen deutschen Banken – nicht hinnehmbar. Daraus zieht sie die klare Konsequenz: Wo selbstgesetzte Zielgrößen nicht wirkten, seien klare Regelungen notwendig. „Ansonsten wird sich in von Männern dominierten Führungsetagen nichts ändern“, sagte die Familienministerin dem Handelsblatt. Die deutsche Wirtschaft könne es sich nicht leisten, die Potenziale hochqualifizierter Frauen nicht zu nutzen.

In ihrem Wahlprogramm hatte die SPD eine feste Quote von 50 Prozent für Führungsgremien anvisiert. Offen ist jedoch, wie Barley ihre Pläne realisieren will. Eine Regierungsbeteiligung der SPD ist trotz der laufenden Sondierungsgespräche noch nicht sicher. Gleichwohl wird jetzt schon rege über Barleys Vorstoß debattiert. Grüne und Frauenverbände signalisierten bereits Unterstützung für eine Gesetzesverschärfung. Die FDP und der CDU-Wirtschaftsrat reagierten ablehnend.

„Geht die Große Koalition diesen Weg von mehr Quoten und bürokratischen Vorschriften, engen wir die qualitative Personalauswahl nur noch weiter ein“, sagte der Generalsekretär des Wirtschaftsrats, Wolfgang Steiger, dem Handelsblatt. „Deutschlands Wirtschaft kam bisher auch hervorragend ohne Quoten aus.“

Die DIW-Forscherin Holst hat zusammen mit Katharina Wrohlich die Entwicklung des Frauenanteils in 500 deutschen Unternehmen analysiert. In den gut 100 Unternehmen, die hierzulande seit 2016 an die Quote gebunden sind, ist demnach der Frauenanteil bis Ende 2017 auf gut 30 Prozent angestiegen – fast drei Prozentpunkte mehr als noch im Vorjahr.

Die Quotenpflicht besteht derzeit für über 100 Unternehmen. Das heißt: Sie müssen neue Aufsichtsratsposten so lange mit Frauen besetzen, bis 30 Prozent des Kontrollgremiums weiblich sind. Das gilt allerdings nur für börsennotierte, mitbestimmungspflichtige Konzerne. Wird bei einer Neubesetzung die Quote nicht eingehalten und für einen freiwerdenden Posten keine Frau gefunden, sollen Stühle unbesetzt bleiben. Für die wichtigeren Vorstandsposten gibt es keine Quote, sondern nur „freiwillige Zielgrößen“.

Grüne für mehr Quotendruck, FDP dagegen
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17 Kommentare zu "Gleichberechtigung in Vorständen: Wirtschaft trommelt gegen die Frauenquote"

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  • Für die Unternehmensführung sollte ausschließlich entscheidend sein, was man im Kopf hat, und nicht, was man zwischen den Beinen trägt.

  • Das ist ja ganz herrlich, wie hier eine Frau ihren Ansatz für Problemlösungen definiert: Wird schon. Einfach nur positiv denken.
    Oder um es mit den Worten einer ihrer Schwestern zu sagen: Wir schaffen das.

    In einem Unternehmen kommt man mit so einer Einstellung bestimmt ganz prima über die Runden! Vor solchen Vorständen und Aufsichtsräten wird die Konkurrenz zittern.

    Aber immerhin: Ihr Kommentar ist diesmal so knapp ausgefallen, das man ihn glatt bis zu Ende lesen konnte.

  • @Herr Hans Henseler, 10.01.2018, 18:43 Uhr

    „Und wenn die dann die Karre an die Wand fahren, wer bitte haftet?“

    Wird schon. Können Sie auch positiv denken?

    Ist überhaupt interessant zu beobachten, welch massiver Beschuss von Seiten der ultra-„konservativen“ Trolle prompt und zuverlässig immer dann einsetzt, wenn man sich an einer von deren „heiligen Kühen“ zu vergreifen wagt (siehe Kommentar von 18:04 Uhr)…

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. 

  • Herr Hans Henseler 10.01.2018, 18:43 Uhr

    <<Und wenn die dann die Karre an die Wand fahren, wer bitte haftet?>>

    Dafür gibt es dann ja immer noch den 50% Männeranteil.
    Leute wie die Barley haben sich schon was dabei gedacht, die Frauenquote nicht auf 100% zu setzen.

  • In Suedafrika gibt es ein Black-Empowerment - in Deutschland offenbar ein Femen-
    Empowerment. Frauen sind nicht weniger geeignet als Maenner, aber sie sind in
    vielen Faellen nicht bereit sich so etwas wie eine Vorstandsposition anzutun. Das
    bringt naemlich ueberhaupt keine Verbesserung der Lebensqualitaet und hat alle
    Ingredienten um das Familienglueck zu zerstoeren. D. h. der Anteil der Frauen, die
    eine solche Position WOLLEN ist relativ gering. Dann muessten wir das mit den
    wenigen machen, die es tatsaechlich wollen und damit muessten wir dann wohl
    weniger Qualifizierte zwangsrekrutieren. Und wenn die dann die Karre an die Wand fahren, wer bitte haftet?

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • ...nachdem die üblichen HBO-Prolls sich wieder entäußert haben wird es Zeit für mich zu gehn

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich. 

  • wie schon gesagt: qua amt oder geschlecht in ein amt zu rutschen kann leichtsinnig machen: zu mehr verantwortungsbewußtsein wird es de facto nicht beitragen.

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