Grass-Wahlkampf
Im Zweifel für Merkel

Einst half er Willy Brandt, nun Frank-Walter Steinmeier: Günter Grass macht erneut Wahlkampf für die SPD. Mit seinem ersten Auftritt sorgt der Literaturstar bei einigen Genossen aber für leichtes Stirnrunzeln. Um eine schwarz-gelbe Regierung zu verhindern, könnte Grass sich auch mit einer Kanzlerin Merkel anfreunden.

BERLIN. Am Ende verschränkt Wolfgang Thierse die Arme und schaut auf die Uhr. Neben ihm sitzt Günter Grass, seit 1969 Dauerwahlkampfhelfer der SPD (nur Johannes Rau konnte er 1986 nicht dienen, wegen seines Aufenthalts in Indien), und erklärt den Journalisten seine Sicht der Politik. An der Wand hängen drei Drucke von Grass, die jedesmal den schwarzen Kopf eines Gockels mit rotem Gefieder zeigen; den hat er einst für die Hamburger SPD gemalt.

Gut eine Stunde schon weilt der Literaturnobelpreisträger Grass in der Berlinischen Galerie in Kreuzberg. Der Medienrummel ist so, als träte die Bundeskanzlerin auf. Bevor Grass ansetzt, verliert Björn Böhning (31), der Wahlkreiskandidat der SPD, einige Worte, dann Thierse (65) als Vorsitzender des Kulturforums der SPD. Dann tritt der 81-jährige Grass in braunem Tweedsakko, rosa Hemd und brauner Cordhose ans Pult. „Ich mache das in erster Linie als Bürger“, sagt er – und wirkt dabei wie ein 60-Jähriger.

Es soll eine Pressekonferenz für die SPD sein. Der Bürger Grass aber sagt Dinge, die den Genossen weniger gefallen. Zwar hat er sich extra einige Sätze mit schwarzer Tinte auf Papier geschrieben, so wie bei seinen Manuskripten. Dann aber nehmen seine Gedanken freien Lauf.

Angela Merkel sei „für eine Große Koalition wie geschaffen“, betont Grass: „Ich will ihre Verdienste nicht schmälern.“ Er trete zwar für Rot-Grün ein. Wenn es dafür aber nicht reiche, dann solle die Große Koalition weiterregieren. In der politischen Mathematik bedeutet das: Steinmeier schafft es nicht.

Gut drei Wochen noch, dann wählen die Deutschen eine neue Regierung. Im Sommer hatte die SPD Katharina Saalfrank (Fernsehstar) engagiert, am vergangenen Wochenende Peter Maffay (Popstar), nun also Günter Grass (Literaturstar). Prominenz soll die Unentschlossenen mobilisieren; unter ihnen vermuten sie im Willy-Brandt-Haus viele SPD-Wähler.

Grass will keine schwarz-gelbe Regierung. Deshalb liest er die kommenden zehn Tage sechsmal im alten Osten vor. Dabei wird er auch sagen, dass die Sozialdemokraten gegen die Nazis standhaft gewesen seien. „Das Land würde bergab gehen, wenn wir eine schwache Sozialdemokratie hätten.“ Die FDP vertrete die Marktradikalen, die die Krise verursacht hätten. Und wer in dieser Zeit noch die Steuern senken wolle, der gebe „kriminelle Versprechen“ ab.

Seite 1:

Im Zweifel für Merkel

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%