Grenzstreit zwischen Türkei und Syrien
Türkisches Militär verhaftet Schafe

Weil sie unerlaubt aus Syrien in die Türkei „eingereist“ seien, „verhaftet“ das türkische Militär eine Schafherde. Die Schäfer wurden freigelassen. Sie hatten auf Warnschüsse reagiert. Für die Schafe sieht es anders aus.

IstanbulDie türkische Region Hatay ganz im Süden des Landes ist bekannt für ihre großen Graslandschaften. Das müssen sich auch zwei syrische Schäfer gedacht haben, die mit ihren 36 wollenen Weidetieren von Weide zu Weide unterwegs waren, auf der Suche nach grünem Futter.

Doch statt freudigem Geblöke schallten irgendwann Schüsse durch die Luft: Die Wiederkäuer und ihre beiden Hirten hatten unbemerkt die Grenze zur Türkei überquert – und die sensiblen Grenzpolizisten zu Warnmaßnahmen verleitet. Das Ergebnis: Die Herde gehört nun der Türkei, entschied ein Gericht.

Dass das türkische Militär im Süden des Landes derzeit besonders sensibel ist, kann man noch einigermaßen nachvollziehen. Die gut 800 Kilometer lange Grenze zwischen der Türkei und Syrien ist derzeit Gegenstand zahlreicher geopolitischer Konflikte.

Da ist der syrische Bürgerkrieg, in dessen Folge Millionen Menschen in die Türkei fliehen. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) wiederum rekrutiert ihre selbsternannten Gotteskämpfer zum Teil direkt aus Europa, die über die Türkei nach Syrien gelangen. Und dann ist da noch das russische Militär, das auf syrischem Staatsgebiet Angriffe fliegt und dabei mehrfach türkischen Luftraum verletzt haben soll. Zuletzt schoss türkisches Militär einen russischen Kampfjet wegen einer mutmaßlichen Grenzverletzung ab.

Und nun 36 Schafe. Sie sollen nicht nur die Grenze unerlaubt überquert, sondern auch noch die Warnschüsse ignoriert haben, heißt es. Während die beiden Schäfer in Windeseile das Weite suchten, um den Warnschüssen zu entgehen, hätten die Schafe Widerstand geleistet und sich nicht vom Grasfleck bewegt. „Gemäß den militärischen Verhaltensregeln haben Soldaten die Schäfer und Schafe wegen der Grenzverletzung vorläufig festgesetzt und auf die türkische Seite gebracht“, schreibt die regierungsnahe türkische Tageszeitung Sabah inzwischen über den Fall.

Ein lokales Gericht hatte daraufhin zwar entschieden, die beiden Männer freizulassen. Sie hätten angemessen auf die Warnschüsse reagiert und sich zudem nichts zu Schulden haben kommen lassen. Der Entscheidung zufolge hätten auch die Schafe zurück nach Syrien gebracht werden sollen.

Doch der Staatsanwalt der Grenzstadt Reyhanli wollte das nicht einfach so hinnehmen – und rief das Verfassungsgericht an. Er wollte sich die Entscheidung von oberster Stelle bestätigen lassen. Das sei in der Türkei üblich, schreibt die Zeitung Sabah, sobald es um Entscheidungen über den Überlassung von Mensch oder Vieh gehe.

Das höchste Gericht der Türkei sollte nun also entscheiden, ob 36 Wiederkäuer theoretisch dasselbe ausrichten könnten wie zwei Kampfpiloten. Es entschied wie folgt: Die Schäfer sind nach wie vor von jeglicher Schuld befreit. Für die Schafe wiederum ordnete der Richter eine „Müsadere“ an. So wird es in der Türkei genannt, wenn Tiere vom Staat beschlagnahmt werden.

Nun muss das Gericht in Reyhanli erneut über den Fall entscheiden. Es dürfte sich voraussichtlich an die Empfehlung der obersten Justizanstalt des Landes halten. Die 36 Schafe würden dann automatisch in türkischen Staatsbesitz übergehen.

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