Griechenland
Jetzt spricht der kaltherzige Ökonom

Das Undenkbare zu denken muss auch in der Euro-Zone erlaubt sein. Argentinien hat den Schuldenschnitt erlebt - und überlebt.
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BerlinGriechenland wird Mitte Juli zahlungsunfähig sein - pleite auf gut Deutsch. Das Wort ist dem hebräischen "pleitah" für "Flucht" entlehnt, eine hübsche Metapher, auf die wir gleich zurückkommen. Portugal ist unter dem Rettungsschirm, in Spanien meutert die Jugend, in Italien wächst die Angst vor der Attacke gegen das eigene Land.

"Flucht" ist ein Wörtchen, das kaum ein Ökonom und schon gar kein Politiker in den Mund zu nehmen wagt: der Abschied der Pleitiers aus der Währungsunion. Wer auch nur darüber nachsinnt, gerät in die Wahnsinns- oder Ketzer-Zone - ab mit ihm auf die Couch oder in den verschärften Kloster-Arrest. Nun gibt es in der Tat höchst gewichtige Argumente gegen den Ausbruch. Der Rausschmiss geht schon mal nicht; dieses Türchen haben die Architekten des Maastricht-Vertrags vergessen oder verworfen. Der freiwillige Ausstieg könnte sich als schmerzlicher als die Qual des Bleibens entpuppen. So einfach wie bei der westdeutschen Währungsreform von 1948 wäre es diesmal nicht. Damals wurde die D-Mark insgeheim in Amerika (Operation Bird Dog) gedruckt und in 23000 Kisten nach Bremerhaven verschifft. Verkündet wurde der Umtausch an einem Wochenende, die Banken blieben bis Montag zu. Damals, kurz nach Kriegsende, gab es auch keine globalisierten Finanzmärkte. 

Wie heute Tausende von Geldautomaten über Nacht umstellen? Die Bankcomputer umprogrammieren? Noch bevor der Druck neuer Drachmen begönne, bräche ein Run aus. Millionen würden die Banken stürmen, um ihr Geld in Euro zu sichern. Der Crash könnte alle europäischen Banken erfassen, die Griechen-Papiere halten. Dazu kämen Panikverkäufe ringsum, Griechen-Bonds stürzten ins Bodenlose. Zum Schluss müsste der europäische Steuerzahler auch die eigenen Banken retten. Der Sturm über der Ägäis könnte sich zum europaweiten Tsunami ausweiten. 

Den fürchten wir wie der Teufel den Erzengel Gabriel; also werden wir zahlen und die Griechen bedrängen, immer mehr Tafelsilber zu privatisieren - ein paar Ferieninseln mit dazu. Eine bizarre Aussicht: Kreta, einst von der Wehrmacht im Sturm genommen, wird wieder deutsch, aber ganz friedlich. Die Abwicklung betreibt eine "Treuhand" für die Treulosen, die das Angenehme - niedrige Zinsen - geschätzt, aber die Verantwortung - sparsames Haushalten - gescheut haben.

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