Griechenland-Krise: Die deutsche Milchmädchen-Rechnung

Griechenland-Krise
Die deutsche Milchmädchen-Rechnung

Weder Staaten noch Hausfrauen können auf Dauer mehr Geld ausgeben, als sie haben. So einfach ist das für die Kanzlerin und viele Bundesbürger. Doch gerade der US-Blick ist ein anderer – und schmerzhaft für die Deutschen.
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New YorkAngela Merkel hat vor vielen Jahren einmal die „schwäbische Hausfrau“ als Vorbild für eine ordentliche Finanzpolitik genannt. „Man hätte einfach nur die schwäbische Hausfrau fragen sollen“, sagte Merkel damals. „Sie hätte uns eine Lebensweisheit gesagt: Man kann nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben“, sagte Merkel 2009 in Stuttgart.

Damit hat sie zum Ausdruck gebracht, was viele Deutsche denken. Das Problem: Der Vergleich ist irreführend. Er bringt aber viele Missverständnisse auf den Punkt, die in der Debatte um Griechenland und die Euro-Krise eine große Rolle spielen.

Punkt 1: Nicht mehr Geld ausgeben als man hat

Die schwäbische Hausfrau bekommt ihr Haushaltsgeld. Damit muss sie auskommen. Wenn das Geld nicht reicht, darf sie nur weniger ausgeben. So einfach ist das scheinbar.

Bei einem Staat bedeutet weniger Geld auszugeben aber, die Wirtschaft zu bremsen. Bei einem exportstarken Staat wie Deutschland fällt das weniger ins Gewicht, weil der Export unabhängig von den Staatsausgaben läuft. Das gilt zum Beispiel auch für einen Krisenstaat wie Irland, der sich zuletzt ganz gut erholt hat.

Bei Staaten wie den USA oder Griechenland, wo die Wirtschaft mehr vom Binnenkonsum lebt, fällt es dagegen mehr ins Gewicht. Und wenn es auf der einen Seite Export-Staaten gibt, muss es auf der anderen Seite ja auch Konsum-Staaten geben, weil sonst niemand die Exportwaren kaufen würde.

Damit sind wir beim Kern des Problems: Wenn die Wirtschaft gebremst wird, fließen weniger Steuern. Beim Staat ist die Situation so, als wenn der schwäbischen Hausfrau jedes Mal, wenn sie spart, das Haushaltsgeld gekürzt würde. Je nachdem wie stark der Effekt ist, kann das in eine Abwärtsspirale führen. Genau das ist in Griechenland, auf Druck vor allem aus Deutschland, in den vergangenen Jahren passiert. Die Wirtschaft ist um ein Viertel geschrumpft. Trotzdem glauben viele Deutsche, dass die Griechen gar nicht gespart haben.

Punkt 2: Schulden zurückzahlen

Wenn die schwäbische Hausfrau nicht nur den Haushalt führt, sondern sich um die gesamten Finanzen der Familie kümmert, dann hat sie wahrscheinlich irgendwann einmal ein Immobiliendarlehen aufgenommen. „Ein Schwabe nimmt keinen Kredit auf, außer zum Häusle-Baue“ lautet ein treffender Spruch. Dieses Darlehen muss sie irgendwann zurückzahlen. Natürlich kann sie stattdessen nach Auslaufen des Kredits wieder einen neuen aufnehmen. Aber das tut eine ordentliche Hausfrau nicht.

Ganz anders bei Staaten, und übrigens auch bei den meisten Unternehmen. Wird Deutschland jemals alle seine Schulden zurückzahlen? Mit großer Sicherheit nicht. Könnte die Deutsche Bank alle ihre Schulden zurückzahlen? Dann wäre von der Bank nichts mehr übrig.

Tatsächlich müssen Schulden nicht zurückgezahlt werden. Es geht vielmehr um zwei andere Punkte. Erstens: Kann der Staat die Zinsen bezahlen? Und zweitens: Bekommt er immer wieder neue Kredite, wenn die alten auslaufen? Die vielfach gehörte Klage, dass „die Griechen“ ihre Schulden nie zurückzahlen werden, ist daher Unsinn. Kaum ein Staat zahlt tatsächlich seine Schulden zurück. Wichtig ist, dass die griechische Wirtschaft stark genug wird, damit genügend Steuern fließen und daraus die Zinsen gezahlt werden können. Deswegen hat es keinen Sinn, die Wirtschaft immer weiter schrumpfen zu lassen – siehe Punkt 1.

Beide Punkte zusammen genommen sorgen dafür, dass viele Deutsche die Euro-Krise und insbesondere die Vorgänge in Griechenland nicht verstehen.

Es gibt aber noch mehr Missverständnisse. Kehren wir noch einmal zu Punkt 1 zurück, zu der Frage, warum der Staat die Wirtschaft bremst, wenn er weniger Geld ausgibt (wer Zahlenbeispiele hasst, kann auch gleich von hier zu Punkt 3 springen). Hier liegt es nahe zu sagen: Wenn der Staat Schulden macht, also über seine Verhältnisse lebt, dann kurbelt er die Wirtschaft künstlich an. Wenn er dagegen Schulden tilgt, also spart, dann bremst er die Wirtschaft. Folglich ist es scheinbar Unsinn von Sparpolitik oder „Austerity“ zu sprechen, wenn der Staat sich immer höher verschuldet.

Diese Denkweise ist zwar plausibel, aber falsch. Tatsächlich bremst ein Staat die Wirtschaft manchmal schon dann, wenn er seine Verschuldung gar nicht abbaut. Und dieser Effekt ist besonders stark, wenn die Zinsen hoch sind und die Wirtschaft ohnehin schon langsam wächst – wie zum Beispiel in Griechenland.

Kommentare zu " Griechenland-Krise: Die deutsche Milchmädchen-Rechnung"

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  • 08.08.2015 http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/griechenland-krise-die-deutsche-milchmaedchen-rechnung/12099738.html

    "Bei einem Staat bedeutet weniger Geld auszugeben aber, die Wirtschaft zu bremsen..."
    Natürlich!! Das ist ein logischer Prozess! Wenn die Wirtschaft mit billigem Geld Jahrelang aufgeblasen/Subventioniert wurde, Muss sie irgendwann wieder auf den "Boden der Tatsachen" also ihrer reellen Leistungsfähigkeit zurückkommen, dass ist bei Blasen so und war schon immer so.
    Aber dass will keiner Wahrhaben.
    Verstehen Sie denn Menschen und Sie verstehen was da passiert! Für jeden ist es leicht seinen Lebensstanddart zu erhöhen... aber ihn zu senken dagegen würde sich jeder bis zum äußersten auflehnen!

    "...viele Deutsche die Euro-Krise und insbesondere die Vorgänge in Griechenland nicht verstehen."
    Hat die Mehrheit der deutschen nicht die „richtige Meinung“ wie in diesem Fall, macht man das ganze einfach kompliziert, mit der Hoffnung das sich
    der ein oder andere deutsche dann denkt "naja ist halt doch kompliziert... wird schon so sein" Nein genau so ist es nicht wie es in diesem Bericht beschrieben wird.
    Denn in der Endkonsequenz ist es so wie es schon zu Urgroßvaters Zeiten war (denn manche Sachen ändern sich im gleichen Masse nicht, wie sich auch die Naturgesetze nicht ändern!) Wer über seine Verhältnisse lebt, den bestraft das Leben "Punkt"

    "Die Schwäbische Hausfrau kauft für die griechische mit ein..."
    So ein quatsch die griechische will nur das gleiche wie die schwäbische und sie kauft immer noch selbst ein!
    Sie lebt dadurch über ihre Verhältnisse es ist immer das gleiche, jemand nimmt einen Kredit auf und gibt, wenn sie ihn nicht mehr zurückzahlen kann, der Bank die Schuld!
    Da es immer mehr gibt, die in der Misere stecken, einen Großteil Ihrer Arbeitzeit für die Zahlung von Zinsen aufzuwenden. Wird diese falsche Meinung "die anderen sind Schuld" immer weiter um sich greifen!

    Gibt es eigentlich noch so etwas wie Eigenverantwortung??

  • "Bei einem Staat bedeutet weniger Geld auszugeben aber, die Wirtschaft zu bremsen.".
    Diese Aussage ist sehr plakativ und sicher nicht ohne Einschränkungen richtig. Es macht einen gewaltigen Unterschied aus wofür der Staat Geld ausgibt. Erkenntnisse darüber, was die wirksamsten Ausgaben sind gibt es nur wird schon in Deutschland nicht danach gehandelt. Und wenn man den Umkehrschluss anwendet müsste es einem Land wie Japan, das über Jahrzehnte versucht hat seine Wirtschaft mit immer neuen Förderprogrammen anzukurbeln, blendend gehen. Tut es aber nicht..
    Es gäbe also Möglichkeiten für Griechenland, weniger Geld auszugeben aber auf intelligente Weise. Ob dies geschehen wird, wird sich zeigen.

  • Wer Schulden macht, kubelt die eigene Wirtschaft nur dann an, wenn diese konkurrenzfähig ist. Genau dies ist in Griechenland nicht der Fall. Damit steigt durch mehr Schulden nur das Außenhandelsdefizit. Genau dies ist in Griechenland in den letzten Jahren passiert. Ähnliches trifft in geringerem Maße auch auf die USA zu. Der einzige Umstand, der die USA vor einem ähnlichen Zusammenbruch bewahrt, ist die Tatsache, das sich die USA in eigener Währung verschuldet haben.

    Die Argumentation des Autors lässt sich in einem Punkt zusammenfassen:
    Ein Unternehmer kann sein Unternehmen dadurch sanieren, indem er seine Waren gegen Kredit günstig an die eigenen Mitarbeiter losschlägt, die sich dafür immer weiter verschulden. Dumm ist nur, dass diese irgendwann einmal von der Bank keinen Kredit mehr bekommen und damit genau wie der Unternehmer in der Pleite versinken. Genau dies ist in Griechenland passiert.

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