Griechenland-Krise
„Es wird ein viertes Hilfspaket geben“

Einigung ja, Aufatmen nein: Deutsche Ökonomen sehen die Grundsatzeinigung der Geldgeber mit Athen kritisch. An ein Ende des „Griechenland-Dramas“ glauben sie nicht. Auch in der Politik rumort es gewaltig.
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Düsseldorf/BerlinDer erste Schritt ist getan in den Verhandlungen über ein drittes Rettungsprogramm für das krisengeschüttelte Griechenland. Eine „Grundsatzeinigung“ sei „auf technischer Ebene“ erzielt worden, sagte eine Sprecherin der Brüsseler EU-Kommission am Dienstag. Es seien aber noch Details zu klären.

Ökonomen und Politiker stehen dem vermeintlichen Erfolg allerdings kritisch gegenüber. Gustav Horn, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung, glaubt, ein viertes Schuldenpaket sei unvermeidbar. DIW-Chef Marcel Fratzscher geht von einem Schuldenerlass noch in diesem Jahr aus und Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer warnt: „Das Griechenland-Drama ist noch lange nicht beendet.“

Die Vertreter der vier Institutionen – der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank (EZB), des Internationalen Währungsfonds (IWF) und des Euro-Rettungsschirms ESM – hatten sich in der Nacht zu Dienstag auf die Haushaltsziele für dieses und die kommenden drei Jahre geeinigt.

Nach Angaben aus Regierungskreisen wird Griechenland von seinen internationalen Geldgebern Hilfen von rund 85 Milliarden Euro innerhalb von drei Jahren erhalten. Die Banken des Landes sollen kurzfristig mit zehn Milliarden Euro gestützt werden. Athen darf 2015 ein Primärdefizit (ohne Schuldendienst) von 0,25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erwirtschaften. Im kommenden Jahr soll das Haushaltssaldo ohne Schuldendienst 0,5 Prozent des BIP ausmachen und in den beiden folgenden Jahren 1,75 und 3,5 Prozent.

Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, äußert trotzdem deutliche Zweifel am Reformwillen der griechischen Regierung. Auf dem Papier lese sich die Vereinbarung über ein drittes Hilfspaket gut. „Aber nach zwei gescheiterten Hilfspaketen bezweifele ich, dass die geforderten Reformen nach der Verabschiedung im Parlament in der Breite umgesetzt werden", sagte Krämer dem Handelsblatt. 

Die Staatengemeinschaft könne ein Land nicht zu Reformen zwingen, wenn eine „tiefere Einsicht in die Notwendigkeit dieser Reformen" wie in Griechenland fehle, sagte Krämer weiter. „Und selbst wenn die Regierung die Reformen in der Realität umsetzen wollte, bräuchte sie dazu eine loyale und effiziente öffentliche Verwaltung, die es in Griechenland nicht gibt. Das Griechenland-Drama ist noch lange nicht beendet.“

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  • Wer intellektuell begriffen hat, wie etwas funktionieren könnte, braucht lange nicht befähigt sein, dieses auch praktisch umzusetzen. Arbeitsteilung und Spezialisierung sind manchmal taube Blüten. "Wachstum"? Wenn dies nicht die statistische Messung von Erlössummen bedeutet, kann kein Mensch sagen, was das ist.
    Wenn Bedarf und Befriedigung eine Sättigung erfahren, ist Wachstum gleichbedeutend mit Verschwendung oder treffender: mit Schädigung.
    Als Konstrukt: Wenn das Weltbedarfsvolumen durch Leistungen summarisch gedeckt wäre, würde die ungleiche Verteilung von Mangel und Überfluss führen. Wenn nur regional der Mangel durch reginales Wachstum abgestellt werden soll, erhöht sich der Gesamtüberschuss, also die Verschwendung. Eine neue "Blase" wäre zum Platzen gereift.
    Durch welche Produkte und Dienstleistungen könnte also Griechenland "wachsen", die nicht in Konkurrenz zu Dumpingpreisen eines Überschusses stehen?
    Der "Export" von Tourismus steht im Wettbewerb zu den Nachbarländern und konträr zu den damit verbundenen Importpflichten von Waren und Gütern.
    Die Binnenproduktion der für den Tourismus benötigten Waren und Güter müsste aber vorfinanziert werden und einen Preiswettbewerb gewinnen. Werden Überschüsse verramscht geht es nur um RefinanzierungsAnteile und nicht um den Zwang zur Kostendeckung. Keine Chance für Griechenland.
    Bleibt die Binnenwirtschaft. Angebote vs. Kaufkraft. Infrastruktur vs. zusätzliche Erlöse.
    Und über allem soll noch der Erlösbonus zur Kredittilgung liegen? Sehr zweifelhaft.

    Das ist die theoretische Ebene der Ökonomen.
    Die praktische Ebene liegt in der Verantwortung von Unternehmern.
    Die fühlen sich aber von der regulativen Ebene der Politik gegängelt. Wer soll der Politik vertrauen?
    Erst wenn Politik das Risiko der Verlässlichkeit eingeht, geht der Unternehmer das wirtschaftliche Risiko ein. Den theoretisierenden Ökonomen braucht kein Mensch.

  • Die Chefökonomen der Banken, der EZB, des IWF usw. sowie der Wirtschaftsexperten der Medien und Nachrichtenagenturen haben also bis heute keine Ideen, wie die Wirtschaft in Griechenland wieder wachsen kann. Griechenland braucht doch nur 10 Prozent jährlich wachsen, damit es 2023 ein BIP von 350 Milliarden Euro erzielt. Bei gleichbleibenden Staatsschulden läge der Schuldenstand unter 100 Prozent und die Schuldentragfähigkeit wäre wieder hergestellt. Das ist doch ganz einfach. Warum versteht das denn keiner der Experten?
    Die Frage, die Beantwortet werden muss. lautet deshalb ganz einfach: Wie kann so viel Geld von privaten Investoren, Banken, Versicherungen, Fond und Privatpersonen bzw. Unternehmen akquiriert werden, damit 10 Prozent Wachstum jährlich erreicht werden. Werden diese Frage Banken Versicherungen, Fonds und Privatpersonen nicht beantworten können?

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