Grüne Ängste
Claudia Roth nimmt Reißaus vor den Piraten

Die grüne Bundesvorsitzende sagt eine Live-Diskussion des Handelsblatts mit dem NRW-Spitzenkandidaten der Piratenpartei ab. Roth will die Aufmerksamkeit für den politischen Gegner nicht erhöhen - und kneift.
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DüsseldorfEs sollte das Wahlkampf-Duell werden: Der Spitzenkandidat der Piratenpartei Nordrhein-Westfalen, Joachim Paul, diskutiert mit der grünen Bundesvorsitzenden Claudia Roth. Die Räume im traditionsreichen Düsseldorfer Malkasten waren angemietet, die Duellanten hatten zugesagt und sich auf die Themen des Abends geeinigt: Urheberrecht, Netzpolitik, Bildung, Umweltschutz, Energiewende. Die mit 200 Gästen ausgebuchte Veranstaltung versprach ein Höhepunkt im Reigen der Wahlkampf-Ereignisse in Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland zu werden. Der TV-Sender Phoenix hatte sich angesagt.

Dann aber begann der Höhenflug der Piratenpartei. Aus anfänglichen fünf Prozent sind inzwischen nach den Erkenntnissen des Meinungsforschungsinstituts Info in Nordrhein-Westfalen elf Prozent geworden. Die Piratenpartei liegt damit vor den Grünen, die in derselben Umfrage bei zehn Prozent landen. Sie sind hinter SPD und CDU drittstärkste Kraft. Bundesweit liegen Grüne und Piraten derzeit nach jüngsten Umfragen gleichauf bei zwölf Prozent. Tendenz bei den Piraten steigend, bei den Grünen fallend.

Zuviel Hype, sagte Claudia Roth darauf ihrer Büroleiterin, und ließ das Duell im Malkasten absagen. "Die Rahmenbedingungen haben sich durch den Höhenflug der Piraten verändert", erklärte anschließend ihr Pressesprecher Jens Althoff die endgültige Umentscheidung der Bundespolitikerin gegenüber dem Handelsblatt. Man wolle die Aufmerksamkeit für die Piraten nicht noch erhöhen.

Zudem sei Frau Roth nun der Meinung, dass sie als Bundesvorstand nicht gegen einen Landespolitiker antreten solle. Da stimme die Ebene nicht, gab Pressesprecher Althoff seine Chefin wieder. Als Ersatz für Roth bot der Bundesvorstand Steffi Lemke an - doch die weitgehend unbekannte Bundesgeschäftsführerin lehnte das Handelsblatt ab. Althoff versicherte, er habe bei Frau Roth um ihre Teilnahme gekämpft - und verloren: "Das geht auch an die Pressesprecherehre", sagte er gestern Abend gegenüber dem Handelsblatt.

Die streitbare grüne Spitzenpolitikerin ist - zumindest wenn es um andere Politiker geht - für harte Kante. „Wir brauchen echte Transparenz – und keinen laxen Umgang mit Wahrheit", sagte sie noch vor ein paar Wochen, als sie sich in einem Interview zum Umgang mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff äußerte.

Vor Roth hatte auch die Spitzenkandidatin der Grünen in Nordrhein-Westfalen Sylvia Löhrmann nach wochenlangem Zögern abgesagt. Berührungsängste? Nein, hier gaben "Terminschwierigkeiten" den Ausschlag, versicherte eine Sprecherin.

Die Veranstaltung des Handelsblatts am Mittwoch in Düsseldorf wird dennoch stattfinden. Der Kandidat der Piratenpartei Joachim Paul steht zu seinem Wort. "Wir haben uns sehr auf ein öffentliches, konstruktives Streitgespräch mit den Grünen gefreut. Dass nun nacheinander gleich mehrere kneifen, erstaunt uns doch sehr. Die Menschen in Nordrhein-Westfalen haben weniger Berührungsängste", sagte sein Sprecher Achim Müller.

Paul selbst hat einen Parteitag hinter sich, bei dem es die Piratenpartei in Nordrhein-Westfalen immerhin geschafft hat, aus knapp 300 Anträgen ein Parteiprogramm für die Wahl zusammenzugießen. Der promovierte Biophysiker und Medienpädagoge war vor drei Wochen überraschend zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl gewählt worden.

Das Live-Interview wird Oliver Stock führen, der Chefredakteur von Handelsblatt Online. Der sagte zu der Roth-Absage: "Wahlkampf kommt von Kämpfen, nicht von Kneifen."

HB

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  • hi… hi… hi…

    guuuut

    Das Leib- & Magenblatt der "Liberalen" sollte sich an deren Wahlkampf nicht weiter beteiligen, wenn es nicht ebenso marginalisiert werden möchte.

    Man sieht sich!

  • Frage an Herrn Steingart: Am Montag war ein Bericht in der ARD über die Bildzeitung. Will das Handelsblatt das Boulevard der Wirtschaft werden. Wir hatten vor Jahren schon mal einen Diskurs, wo Sie ähnlich im Fernsehen agierten. Geht es auch anders, d.h. journalistisch?

  • Die vom Handelsblatt behauptete Aussage, Claudia Roth nähme "Reißaus vor den Piraten" stimmt nicht! Richtig ist hingegen, dass es für den gleichen Zeitraum eine weitere Anfrage der BAMS für ein Doppelinterview mit Sebastian Nerz, dem Bundesvorsitzenden der Piraten, gab. Um beide Diskussionen zu ermöglichen, baten wir das Handelsblatt, die Diskussion mit dem grünen NRW-Landesvorsitzenden Sven Lehmann zu führen. Das war dem Handelsblatt aber "nicht hochrangig genug". Erst, nachdem der Chefredakteur von Handelsblatt online Oliver Stock zusagte, die Varanstaltung mit unserer Politischen Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke zu machen, sagten wir das Doppelinterview in der BAMS zu. Und gingen davon aus, dass beide Diskussionen ermöglicht werden.

    Dass das Handelsblatt drei Stunden später über seinen Print-Chefredakteur Gabor Steingart seine Zusage für Steffi Lemke wieder zurückzog, nachdem unsere NRW-Grünen die Veranstaltung mit Paul und Lemke bereits angekündigt hatten, ist sicher nicht Claudia vorzuwerfen. Bei der ganzen Geschichte geht es also allein um die verletzte Eitelkeit des Chefredakteurs der nach eigener Aussage "wichtigsten Wirtschaftszeitung Deutschlands".

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