Grüne in der Wirtschaft
Augen zu und durch

Einst kämpften sie als Politiker für grüne Ideen. Jetzt verkaufen Ex-Grüne wie Andrea Fischer, Matthias Berninger oder Marianne Tritz Schokoriegel, beraten Energiekonzerne, werben für Zigaretten - und verbitten sich Kritik. Wie frühere Vorzeigekräfte heute als Manager reüssieren.

BERLIN. Die Stimmung ist gelöst, auf den Rängen wird eifrig geplaudert. Auf der Bühne kramt Katrin Göring-Eckardt etwas unbeholfen in einer Kiste und zieht ein paar abgewetzte Turnschuhe hervor. Es sind Turnschuhe von historischem Wert, einst gehörten sie Joschka Fischer, in ihnen schwor er vor vielen, vielen Jahren in Wiesbaden seinen ersten Minister-Eid. Dann hält die Vizepräsidentin des Bundestages eine grünlich-karierte Krawatte ins Scheinwerferlicht: "Das ist die erste Krawatte des Matthias Berninger."

Im Berliner Edel-Club Goya feiern die Grünen 25-jährige Bundestagszugehörigkeit - inklusive Devotionalien. Doch in Wirklichkeit ist es die Zelebrierung eines Gezeitenwechsels. Der angestaubte Binder von Berninger steht nicht nur für die Anpassung der Grünen ans bürgerliche Outfit in den 90er-Jahren. Er ist zugleich ein Symbol für den Marsch der Grünen ins Herz der Wirtschaft.

Denn wie der Hesse Berninger, der in der Politik Karriere machte und jetzt bei Mars gut bezahlt im Manager-Sessel sitzt, haben viele ehemalige Kämpfer für die grüne Idee - nicht zufällig allesamt Realos - den Sprung in die Wirtschaft gewagt. Absprung, nörgeln Kritiker.

Da sind die frühere Gesundheitsministerin Andrea Fischer und die Ex-Parteivorsitzende Gunda Röstel, da ist der langjährige Fraktionssprecher und Dietmar Huber, und da ist die Ex-Staatssekretärin Margareta Wolf. Ihr höheres Salär verdienen sie nicht mit Windkraft oder Bio-Food. Sie verkaufen Schokoriegel, arbeiten für die Energiebranche und die Zigarettenindustrie oder beraten Arzneimittelhersteller - und fühlen sich gut dabei. Fast immer.

Zumindest Matthias Berninger. In sieben Jahren stieg er vom jüngsten Abgeordneten zum Staatssekretär im Verbraucherschutzministerium auf. Nach seinem Ausstieg aus der Politik 2006 ging er zum Süßwarengiganten Mars. Dort ist der heute 37-jährige "Global Head of Public Policy" beim Vorstand des Konzerns. Er leitet die Teams, die Mars in Sachen Nachhaltigkeit beraten.

Wie die meisten grünen Umsteiger erzählt Berninger geradezu euphorisch aus der für ihn neuen Welt des Marktes - und rät seiner Partei dringend, die Hemmschwelle zur Wirtschaft zu überwinden. "Ich habe nach 13 Jahren Politik die Chance, bei Mars viele grüne Ideen einzubringen", sagt er. Als er ging, warfen ihm Fraktionskollegen wie Winfried Hermann und Petra Selg allerdings mangelnde Glaubwürdigkeit vor. Als Staatssekretär sei er gegen die Fettleibigkeit deutscher Kids zu Felde gezogen - jetzt verkaufe er ihnen Schoko-Riegel.

Berninger ficht das nicht an. Stolz zählt er - zwischen zwei Interkontinentalflügen am Handy - seine Erfolge auf: Dass Mars heute einen Vizepräsidenten für Nachhaltigkeit hat, "wäre vor geraumer Zeit nicht denkbar gewesen". Auch sollen Mars, Twix & Co. gesünder werden: "Wir wollen bedenkliche Fette durch bessere ersetzen", verrät Berninger und vergisst auch nicht, die Solarzellen auf den Dächern der Mars-Fabrik in New Jersey zu erwähnen. Parteifreunde sind beeindruckt. "Der Berninger arbeitet bei Mars wirklich hart", lobt einer aus der Parteispitze.

Im Zentrum der Partei tummelte sich auch Dietmar Huber - bevor er zum Beratungshaus Deekeling & Arndt ging, wo er nun Software-Firmen zur Seite steht. Elf Jahre lang war Huber Fraktionssprecher, oftmals Sprachrohr von Joschka Fischer. "Die Erfahrung, täglich seine Brötchen verdienen und auch mit der eigenen Person für seine Arbeit geradestehen zu müssen, unmittelbar zu spüren, was Unternehmertum bedeutet, würde auch den Grünen guttun", sagt er heute. Und sieht Kritiker vor allem als Neider. "Die Grünen sollten froh sein über regelmäßigen Wechsel zwischen Politik und Wirtschaft - und nicht neidisch."

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