0 Bewertungen
04.04.2008 
Vor Parteitag

Grüne: Lagerwahlkampf Ade

von Barbara Gillmann

Die Partei will wieder mit Ökothemen punkten, und öffnet sich für neue Koalitionen. Auch zwei Wahlkampfschalger haben sich die Grünen schon mal ausgedacht. Ihr eigenes Führungsproblem haben Sie aber immer noch nicht gelöst.

Grüne Inhalte als Messlatte für Koalitionen: Steffi Lemke, Bundesgeschäftsführerin der Grünen. Foto: apLupe

Grüne Inhalte als Messlatte für Koalitionen: Steffi Lemke, Bundesgeschäftsführerin der Grünen. Foto: ap

BERLIN. Bislang standen die Grünen im Bund fest an der Seite der SPD – 2009 wollen sie sich aber nicht erneut in einen Lagerwahlkampf ziehen lassen. Zwar ergebe sich die größte programmatische Überschneidung nach wie vor mit den Sozialdemokraten, sagte Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke vor dem kleinen Parteitag am Samstag. Aufgrund des Fünf-Parteien-Systems und der Schwäche der SPD seien die Grünen jedoch bereit, auch andere Koalitionsoptionen zu erwägen.

Messlatte für mögliche Koalitionen sollen die grünen Inhalte sein, die nach dem Antrag der Parteispitze für den „Länderrat“ genannten kleinen Parteitag, auf den drei Säulen Ökologische Erneuerung, soziale Teilhabe und Bürgerrechte ruhen. Das detaillierte Wahlkampfprogramm wollen die Grünen auf einem Parteitag im Mai 2009 festklopfen.

Wahlkampfschlager sollen nach dem Plan des Vorstandes ein „Bildungssoli“ und ein „Ökobonus“ werden: Im Rahmen der Föderalismusreform wollen die Grünen überschüssige Mittel aus dem Soli-Zuschlag für die Bildung umwidmen. Nach Abzug der Gelder für die neuen Länder und einer Altschuldenhilfe für Pleite-Länder blieben hier bis 2019 rund 23 Mrd. Euro übrig. Weitere elf Mrd Euro könne man durch Einführung einer günstigeren zentralen Bundessteuerverwaltung erwirtschaften.

Der „Ökobonus“ soll die Preise für Umweltverschmutzung erhöhen und zugleich umweltfreundliches Verhalten belohnen. Dafür sollen Abgaben auf Energie und andere Ressourcen steigen und die Einnahmen daraus direkt an die Bürger zurück fließen, ohne dass etwas davon beim Staat hängen bleibt. Ressourcenschonende Haushalte würde so unter dem Strich profitieren, Umweltsünder draufzahlen. Konkret könne man etwa durch eine Steuer auf Kernbrennstoff, Erlöse aus dem Emissionshandel und eine Steuer auf Flugtickets rund 20 Mrd.Euro jährlich einsammeln und im Gegenzug jedem Bürger monatlich 20 Euro auszahlen. Das genaue Konzept wollen die Grünen noch diskutieren.

Zur Koalitionsfrage gab es im Vorfeld Streit: Der designierte Spitzenkandidat Jürgen Trittin erklärte in einem Interview, es werde definitiv keine Koalitionsaussage geben. Dies wiederum erregte den Unmut von Parteichef Reinhard Bütikofer. Inzwischen relativierte Trittin dies jedoch. Zuletzt hieß es in der Fraktions- und Parteispitze, zunächst müsse man ohnehin abwarten, ob die SPD ihre Schwächeperiode rechtzeitig vor der Wahl überwindet, sich der neue Öffnungskurs der FDP Richtung SPD und Grünen als tragfähig erweist und womöglich sogar die Linkspartei zu einer realpolitischen Position durchringt. Zudem müsse man sehen, ob und wie sich in Hamburg die erste schwarz-grüne Landesregierung entwickelt.

Die Grünen selbst müssen zudem ihre Führungslücke schließen, da Bütikofer im Herbst nicht mehr antritt. Bis zum Sommer soll klar sein, wer aus den Reihen der Realos für das Amt in Frage kommt, sagte Lemke. Nachwuchstalente wie die Hamburgerin Anja Hajduk, der Tübinger OB Boris Palmer oder der hessische Grüne Tarek Al-Wazir scheiden aus, weil sie zu Hause vorerst unabkömmlich sind.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück vor
  • Steinmeiers Freunde und F...

    Steinmeiers Freunde und Feinde

    Frank-Walter Steinmeier führt die SPD bei der Wahl 2009 an. Doch nicht alle führenden Genossen sind ihm wohl gesonnen. Wie jeder Politiker hat auch Steinmeier parteiinterne Gegner und Unterstützer. Seine Freunde und Feinde im Überblick.Bildergalerie 

  • Müntefering ist wieder ga...

    Müntefering ist wieder ganz oben

    Franz Müntefering soll Kurt Beck als SPD-Vorsitzenden ablösen. Damit übernimmt der Sauerländer einen Posten, den er schon einmal hatte – und zwar von März 2004 bis November 2005. Er legte damals das Amt nieder, weil er seinen Wunschkandidaten im Parteivorstand nicht al...Bildergalerie 

  • „Datendieben den Garaus m...

    „Datendieben den Garaus machen“

    Auf einem Gipfeltreffen, das heute in Berlin stattfindet, suchen die Bundesregierung und Verbraucherverbände Wege, den illegalen Handel mit Kundendaten einzudämmen. Unternehmen fürchten das Verbot und warnen vor zu viel Regulierung. Einen Kompromiss zu finden könnte sc...Bildergalerie 

  • McCain begeistert die Rep...

    McCain begeistert die Republikaner

    Hurrikan Gustav und eine Schwangerschaft wirbelten den Parteitag der Republikaner durcheinander. Doch Vizekandidatin Palin begeisterte trotz des Familien-Skandals. Das Parteitreffen rundete dann John McCain mit einer umjubelten Rede ab.Bildergalerie 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Kommentar: Überfällige Konsequenz  Artikel in Merkliste

07.09.2008, 18:09 Uhr von Daniel Goffart

Mit Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering hat die SPD wieder eine starke Führung. Sie muss aber erst noch zeigen, ob sie die lähmenden Flügelkkämpfe überwinden kann. Kommentar