Grüne schlagen Alarm
Freie Bahn für Spionage-Spielzeuge

Verbraucherschützer haben bei vernetzten Spielzeugen gefährliche Sicherheitslücken entdeckt. Die zuständige Kontrollbehörde sieht aber keinen Handlungsbedarf. Ein nicht akzeptabler Zustand, sagen die Grünen.
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BerlinObwohl die Stiftung Warentest bei mehreren Spielzeugen Sicherheitslücken festgestellt hat, sieht die oberste Kontrollbehörde, die Bundesnetzagentur, keinen Handlungsbedarf. Die in dem Testbericht genannten Spielsachen seien „wegen bislang fehlender Marktrelevanz für den deutschen Markt noch nicht eingehend von der Bundesnetzagentur geprüft worden“, erklärte das Bundeswirtschaftsministerium in einer Antwort auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion. Die Netzagentur ist dem Wirtschaftsministerium nachgeordnet.

In ihrem Test hatten die Verbraucherschützer internetfähige Spielwaren unter die Lupe genommen. Einige davon hätten sich als Spione im Kinderzimmer entpuppt. Bei zwei davon sei es Fremden sogar ohne großen technischen Aufwand möglich, sie aus der Nachbarwohnung fernzusteuern und darüber mit Kindern zu kommunizieren, urteilen die Experten. Schuld seien unsichere Funkverbindungen. Drei der sieben geprüften Spielzeuge wurden als „sehr kritisch“, die anderen vier als „kritisch“ eingestuft.

Scharfe Kritik an der Behörde äußerte Nicole Maisch, Sprecherin für Verbraucherpolitik der Grünen-Bundestagsfraktion. „Dass Spielzeuge von der Bundesnetzagentur nicht überprüft werden, weil sie angeblich nicht häufig genug verkauft werden, ist ein Unding“, sagte Maisch dem Handelsblatt. „Kein einziges Spielzeug, das den Datenschutz und die Privatsphäre von Kindern gefährdet, sollte in Kinderhand gelangen.“

Die Ergebnisse der Stiftung Warentest-Untersuchung sollten aus Sicht von Maisch Grund genug sein für die Bundesnetzagentur, tätig zu werden. „Die Überprüfungen der Spielzeuge müssen schneller abgeschlossen sein, damit Spione aus dem Kinderzimmer ferngehalten werden“, sagte die Grünen-Politikerin. „Zudem muss überprüft werden, ob unsere gesetzlichen Regelungen ausreichend sind, um den digitalen Herausforderungen unserer Zeit zu entsprechen und insbesondere Kinder ausreichend zu schützen.“

In Deutschland ist Spielzeug, das funkfähig und zur heimlichen Bild- oder Tonaufnahme geeignet ist, nach § 90 Telekommunikationsgesetz (TKG) verboten. Die Voraussetzungen für ein Verbot seien „im Einzelfall eingehend zu prüfen“, betont das Ministerium seiner Antwort auf die Grünen-Anfrage. „Die Bundesnetzagentur wird die Sortimente weiterhin beobachten und das Verbot von § 90 TKG durchsetzen.“

Martin Gobbin von der Stiftung Warentest nannte einige der Spielzeuge „brandgefährlich, weil sie eine ungesicherte Funkverbindung haben“. Dies bedeute, dass jeder Smartphone-Besitzer sich mit ihnen verbinden könne, um das Kind abzuhören, es auszufragen oder zu bedrohen. So haben er und seine Kollegen drei Spielzeuge ausgemacht, die für eine Bluetooth-Verbindung weder ein Passwort noch einen Pin-Code verlangen. Zwei davon eigneten sich sogar für Spionage-Aktionen, etwa aus der Nachbarwohnung, heißt es in einer Mitteilung der Verbraucherschützer. Ein Roboter erlaubt es demnach Fremden, dem Kind Fragen zu stellen oder Anweisungen zu geben. Zudem könne der Angreifer die Antworten des Kindes abhören.

Ein Teddy kann laut den Testern Sprachnachrichten von den Eltern, aber auch von Fremden empfangen. Ein Roboterhund lasse sich auch von Unbefugten fernsteuern. „Diese drei Spielzeuge sind sehr kritisch, die anderen vier – zwei Plüschtiere, ein Plastik-Dino und eine Barbie – immerhin kritisch“, so die Tester. Diese vier hätten zwar keine unsichere Funkverbindung, es sei aber in puncto Datensendeverhalten einiges zu bemngeln gewesen: „Einige Apps, über die die Spielzeuge gesteuert werden, erfassen die Geräte-ID des Smartphones, übertragen Nutzerdaten an Drittfirmen oder setzen Tracker, die möglicherweise das Surfverhalten der Eltern protokollieren können.“

Kritisch wird zudem gesehen, dass die Spielzeuge über integrierte Mikrofone die Unterhaltungen mit den Kindern aufnehmen und sie oft via Internet an die Server der Anbieter senden. „Die Hello Barbie ermöglicht Eltern sogar, all diese Tonaufnahmen anzuhören“, haben die Tester festgestellt. So könnten die Eltern das eigene Kind belauschen.

Dietmar Neuerer
Dietmar Neuerer
Handelsblatt / Reporter Politik

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