Grüne Spitzenduo-Wahl
Aus vier mach zwei

Während CDU und SPD über die Kanzlerkandidaten streiten, klopfen die Grünen sich auf die Schulter: Die Basis entscheidet ganz geordnet über das Spitzenduo. In einer Urwahl. Dabei geht es nicht nur um Personen.

BerlinWarum die Grünen ihre Spitzenkandidaten von der Basis wählen lassen und das ausführlich zelebrieren, steht auf ihrer Homepage. „Die Urwahl ist der Urknall für den grünen Wahlkampf zur Bundestagswahl 2017.“ Urknall, das klingt laut und schwungvoll. Und es klingt auch nach Neuanfang. Das schadet nach der Enttäuschung von 2013 ja nicht.

Michael Kellner, Bundesgeschäftsführer der Grünen und Hüter des Wahlverfahrens, nennt ein paar Gründe mehr. Das ist demokratisch, hilft gegen Politikverdrossenheit, mobilisiert die Basis, bringt Aufmerksamkeit. Und wenn es richtig gut läuft, gewinnen die Grünen auch noch Mitglieder. Der Startschuss für den Urknall ist am Samstag in Berlin gefallen. Er lässt auf einen spannenden Wahlkampf hoffen.

Spannend machen ihn vor allem zwei Männer: Robert Habeck, der Landes-Umweltminister aus Schleswig-Holstein, den man noch den Underdog nennen kann. Und Bundestagsfraktionschef Anton Hofreiter, im bisher vierköpfigen Bewerberkreis der einzige Parteilinke. Das ist wichtig, denn mit der Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt ist ziemlich wahrscheinlich die weibliche Hälfte des Spitzenduos schon mal besetzt mit einer Realo-Politikerin, die bürgerliche Wähler anspricht.

Erst mal zu Habeck: Seine Rede auf dem kleinen Parteitag, der die Urwahl einleitet, haben die knapp 70 Delegierten besonders gespannt erwartet. In Jeans und Jackett überm grünen T-Shirt fordert er, was er auch in seinem gerade erschienen Buch schreibt: Die Grünen sollen sich nicht auf ihre Stammklientel beschränken, sondern sich an die gesamte Gesellschaft richten und Mehrheiten organisieren.

Ist es ein Zufall, dass Habeck den grünen Shooting-Star aus Baden-Württemberg zitiert? Sicher nicht. Winfried Kretschmann habe gesagt, die Deutschen seien schon viel weiter und grüner, als die Partei das manchmal glaube. „Wir müssen die da nur noch abholen und bei uns behalten.“ Auf die AfD zu schimpfen werde die Grünen dagegen nicht relevanter machen. Dass er das sagt, ist bemerkenswert, denn: Fast alle Redner in Berlin schimpfen auf die AfD, was das Zeug hält.

Dann zu Hofreiter: Er beginnt mit einem starken Plädoyer für Europa. „Wir müssen die Verteidiger der offenen Gesellschaft sein“, sagt er und fordert Gleichberechtigung für Frauen, Schwule und Lesben, mahnt den Erhalt der Lebensgrundlagen, das Ende der Massentierhaltung und die Modernisierung der Autoindustrie an. Und erntet den lautesten und längsten Applaus von allen.

Hofreiter ist mit seinen offenen langen Haaren und dem bayerischen Akzent kein Mainstream-Politiker. „Ich komme aus der Umweltbewegung“, erinnert er seine Zuhörer in Berlin. Er passt genau zu der grünen Stammklientel, über die Habeck hinauswachsen will. Braucht die Partei einen Hofreiter ganz vorn im Wahlkampf? Oder wären Habeck oder Parteichef Cem Özdemir, die in ihren Ansichten recht nah beieinander liegen, die bessere Wahl?

Nicht nur in der traditionell ziemlich linken Grünen Jugend ist zu hören, zwei Realos als Spitzenkandidaten, das gehe wirklich nicht. Den Wählern allerdings dürfte das ziemlich egal sein. Und selbst die grüne Basis, sagen in der Partei viele, sei viel weniger Flügel-orientiert als die Politiker und Funktionäre.

Diese Basis sind knapp 60 000 Mitglieder, bis Januar werden sie entscheiden. Sie seien völlig unberechenbar, heißt es an der Grünen-Spitze einmütig. Das stimmt vermutlich, denn Göring-Eckardts Sieg über die Polit-Promis Renate Künast und Claudia Roth hat bei der letzten Urwahl auch überrascht.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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