Grüne
Ströbele: Kultfigur und Entfant terrible

Er gehört zum politischen Inventar der Bundesrepublik: Christian Ströbele. Für seine Fans aus dem Kreuzberger Kiez in Berlin ist er Freund und Kultfigur, für seine Gegner ein linkes Enfant terrible - mindestens. Nun wird Ströbele 70 Jahre alt. Schluss ist noch lange nicht. Ganz im Gegenteil: Ströbele drängt es erneut in den Bundestag – und wie.

BERLIN. Einst war er ein linkes Enfant terrible. Die SPD warf ihn gar aus der Partei, weil er seine Mandanten, RAF-Gefangene, mit "Genosse" angesprochen hatte. Heute gehört der Jurist Christian Ströbele zum politischen Inventar der Republik. Und er will es nochmal wissen: Bei der Bundestagswahl im September tritt der Mann, der am heutigen Sonntag 70 Jahre alt wird, wieder an. Zum dritten Mal will der Vertreter der grünen Fundis das einzige grüne Direktmandat holen - in Friedrichshain-Kreuzberg, wo es "die revolutionäre Erste-Mai-Demo, die besten Dönerläden der Welt und noch echte Punks gibt", wie er auf seiner Homepage wirbt.

So umgänglich und höflich wie Ströbele stets agiert, so kompromisslos verfolgte er seinen linken Politikansatz. Soeben hat ihn die deutsche Geschichte wieder eingeholt: Gemeinsam mit Otto Schily war Ströbele einst Nebenkläger im Prozess gegen Karl-Heinz Kurras, den Todesschützen des Studenten Benno Ohnesorg, der nun als Stasi-Spitzel enttarnt wurde. Seinerzeit sei die Behandlung des Falls Kurras durch Justiz und Politik der "Auslöser für die Ablehnung des Staates" durch weite Teile der Nachkriegsgeneration gewesen, sagt Ströbele. Er fordert nun eine Enquetekommission im Berliner Abgeordnetenhaus: Sie soll untersuchen, ob die Stasi die Ermittlungen beeinflusst habe. Das damalige Verfahren sei ausgesprochen undurchsichtig gewesen.

Fast wäre Ströbele selbst auf der östlichen Seite des eisernen Vorhangs aufgewachsen. Er ist fünf Jahre alt, als US-Streitkräfte bei ihrem Rückzug aus der russischen Zone eine Gruppe von Akademikern, darunter auch Familie Ströbele, aus seiner Geburtstadt Halle in den Westsektor bringen. Nach der Kindheit im westfälischen Marl studiert Ströbele Jura und Politik in Heidelberg und Berlin - und beginnt 1967 ein Referendariat in der Kanzlei des damals linksextremen Horst Mahler, der später zu den Rechtsextremen umschwenkte.

Am 1. Mai 1969 gründet Ströbele das erste "Sozialistische Anwaltskollektiv" und übernimmt 1970 die ersten Mandate von Mitgliedern der RAF. Das brachte ihn auch persönlich in Schwierigkeiten. Er erhielt nicht nur Drohbriefe mit Patronen ("Dein Todesurteil") sondern wurde noch Anfang der 80er Jahre wegen Unterstützung einer kriminellen Vereinigung zu 10 Monaten auf Bewährung verurteilt. Ströbele räumt offen ein, dass er sehr wohl an einem Informationssystem der Gefangenen beteiligt gewesen sei, es sei ihnen damals nicht in den Sinn gekommen, dass das unzulässig sein könnte.

Noch 2007 veröffentlich der Strafverteidiger dazu eine Klarstellung. Darin heißt es auch: "Mein besonderes Engagement als Verteidiger der Leute aus der RAF erkläre ich aus den damaligen außergewöhnlichen Umständen. Ich habe es damals für richtig und notwendig gehalten und sehe es heute nicht viel anders." 1975 wird er wegen dieser Sache von den RAF-Prozessen ausgeschlossen, im gleichen Jahr fliegt er aus der SPD.

Seite 1:

Ströbele: Kultfigur und Entfant terrible

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%