Grünen-Parteitag
Pflege der grünen Seele

Der schmale Mann mit den buschigen schwarzen Koteletten sitzt in der vierten Reihe rechts. Er ist einer von fast 800 Delegierten in der Erfurter Messehalle. Cem Özdemir ist nervös.

ERFURT. Oben auf dem Podium hält Claudia Roth ihre Bewerbungsrede zur Wiederwahl als Grünen-Parteichefin. Sie badet in der Sympathie der Masse, wettert gegen „Angela Merkel, die Schutzmantel-Madonna einer Sozialdemokratie mit Burn-out-Syndrom“.

Unten greift der Anwärter auf das Amt des Mit-Parteichefs zum Kuli, er korrigiert seine Rede noch mal, kratzt sich am Hals, zwinkert aufgeregt.

Cem Özdemir ist nervös. Das legt sich erst, als er auch dort oben vor der Partei steht. Innerhalb von wenigen Minuten redet er sich warm. Er feiert die „sieben erfolgreichen Jahre Rot-Grün“, will aber „nicht regieren um des Regierens willens“. Er mahnt die Ökos, nicht „überkomplex“ zu sein, schießt gegen den „Autolobbyisten“ Sigmar Gabriel, geißelt die Banken-Sektor-Liberalisierer von der FDP, „Gnade uns Gott!“.

Özdemir weiß um den Vorwurf der inhaltlichen Profillosigkeit und geht in die Offensive: „Ich wäre der falsche Mann, um jeden Tag ein neues Programm zu machen“, das sei aber angesichts des Spitzenprogramms auch nicht nötig. Seine Herkunft als erstes Kind türkischer Eltern trägt er nicht vor sich her. Er sagt nur, er wolle eine Gesellschaft für alle – „egal, ob ihre Vorfahren aus Kasachstan oder Anatolien kommen oder ob sie schon im Teutoburger Wald gegen die Römer gekämpft haben“.

Der 42-jährige „anatolische Schwabe“, wie er sich selbst nennt, hat die Basis der Grünen erobert. Begeistert beklatschen sie den neuen Vorsitzenden, der sie durchs Superwahljahr führen soll – länger und lauter noch als Claudia Roth, die oberste Beauftragte für die grüne Seele.

Um 16.19 Uhr an einem strahlenden Samstag im November 2008 wählt zum ersten Mal eine deutsche Partei einen Migranten zum Chef. Der ehemalige Hauptschüler, das Arbeiterkind Cem Özdemir, bekommt 617 Stimmen (79 Prozent). Als das Ergebnis verkündet wird, sieht er überrascht aus, als ob er so viel wirklich nicht erwartet hätte.

Unten in der ersten Reihe verfolgen Renate Künast und Jürgen Trittin Özdemirs Auftritt mit höflichem Applaus. Ihre Stunde kommt am Sonntag: Mit einem fast sozialistischen Ergebnis von 92 Prozent lassen sich Trittin und Künast von der Basis hochoffiziell zu Spitzenkandidaten für den Bundestagswahlkampf 2009 wählen.

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