Grünen-Parteitag vs. Merkel & Co
„Denen soll doch das Kruzifix von der Wand fallen“

Noch nie sprach ein SPD-Chef bei einem Grünen-Parteitag. Sigmar Gabriel bemühte sich, den richtigen Ton zu treffen. Den Saal rockte aber eine andere: Claudia Roth. Sie begeisterte mit heftigen Attacken auf Schwarz-Gelb.

BerlinDa blieb selbst Sigmar Gabriel die Spucke weg. Als Gastredner sollte er die Attraktion des Grünen-Parteitags in Berlin sein. Doch in Wahrheit erleben die 800 Delegierten eine Art Wiedergeburt ihrer Vorsitzenden Claudia Roth. Die Parteilinke, die einst bei der Urwahl der Spitzenkandidaten abserviert wurde, rockt mit einer feurigen Rede das Velodrom. „Ich bin jetzt die arme Sau, die nach dir reden muss“, sagt Gabriel. „Eigentlich hast du alles gesagt. So machen wir es.“ Und dann adelt Gabriel die heimliche Grünen-Spitzenkandidatin noch mit den Worten: „Joschka Fischer meinte, er sei der letzte Rock'n'Roller der Grünen. Er hätte deine Rede hier hören sollen, Claudia!“

Vorausgegangen war eine knallharte Abrechnung Roths mit der Politik der Bundesregierung. Dankbar nimmt sie die Steilvorlagen der Union auf, etwa den Rücktritt des CSU-Fraktionschefs Georg Schmid, der seine Frau für bis zu 5.500 Euro monatlich aus dem Steuersäckel seine Sekretariatsarbeit machen ließ, um dann loszugiften. Statt Armut zu bekämpfen, beschenke sich Schwarz-Gelb lieber selbst – und die CSU toppe einfach alles in „amigohafter Selbstverständlichkeit“, ruft Roth ihren Parteifreunden zu. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral, bei der CSU kommt die Moral nicht mal nach dem Fressen.“ Mit Anstand, Bürgerlichkeit, Christlichkeit hat das nichts zu tun, macht Roth klar. „Denen soll doch das Kruzifix von der Wand fallen.“ Lauter Jubel brandet auf. Zu diesem Zeitpunkt hat die Betriebstemperatur der Delegierten längst schon Siedepunktnähe erreicht.

Roth versteht es, schon zu Beginn ihrer Rede die Parteitagsteilnehmer auf einen Haudrauf-Wahlkampf gegen Merkel & Co einzustimmen – „gegen eine Teflonkanzlerin, an der nichts haften bleibt, weil sie für nichts Haftung übernimmt, gegen die schlechteste Bundesregierung ever“. Sie zerreißt den Regierungsstil von Innenminister Hans-Peter Friedrich, dem nichts besseres einfalle, als die „ältesten Ladenhüter“ Videoüberwachung und Vorratsdatenspeicherung aus der Kiste zu holen - zu einem Zeitpunkt, wo die Toten des Boston-Anschlags noch nicht begraben sind.

Sie schießt „exzessive Rüstungsexporte“, die keine Stabilitätspolitik im Sinne der neuen Merkel-Doktrin seien. Und auch Umweltminister Peter Altmaier bekommt sein Fett ab, weil er eine, wie Roth poltert, der „größten Dreckschleudern in Europa“ eingeweiht habe, das Braunkohlekraftwerk Grevenbroich.

Richtig in Stimmung kommen die Delegierten, als Roth kurz einige Worte über den wirtschaftspolitischen Kurs ihrer Partei verliert. Den leidigen Streit über die Höhe der Steuerbelastung erwähnt sie dabei mit keinem Wort.

Warum auch, das Hickhack, ausgelöst vom baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, war zu diesem Zeitpunkt längst Geschichte, das Steuerkonzept beschlossene Sache. Einstimmig sogar. Roth hat denn auch keine Mühe, den Saal vom Rest der grünen Pläne zu überzeugen.

Dass Deutschland eine „grüne industrielle Revolution“ als Garant für neue Jobs und wirtschaftliche Zukunft brauche, hören die Parteitagsteilnehmer gern. Und auch, wenn Roth sagt: „Wir Grüne sind die Wirtschaftspartei, weil wir die historische Verbindung schaffen zwischen Ökonomie und Ökologie.“ Das kommt gut an. Einige Delegierte stehen auf und quittieren Roths Ausführungen mit stürmischem Applaus.

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Gabriel will „neuen Aufbruch wagen“

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