Grünen-Parteivorsitz
Ratzmann punktet bei Realos

Am Wochenende haben sich die Konkurrenten um den Parteivorsitz der Grünen dem Reformerflügel präsentiert. Danach liegt Cem Özdemir zwar noch in Führung - doch der Berliner Ex-Linke Volker Ratzmann hat zumindest bei einigen Punkte gut gemacht.

BERLIN. Als sich am Wochenende die beiden Konkurrenten um das Amt des Grünen-Parteichefs, Cem Özdemir und Volker Ratzmann, in Berlin-Mitte im Gebäude der Bank für Sozialwirtschaft dem Reformerflügel stellten, saßen sie mehr als 100 Grünen aus der ganzen Republik gegenüber, darunter viele prominente und einflussreiche Parteivertreter. Am Ende reichte das Essen nicht und der Berliner Ex-Linke Ratzmann hatte zumindest bei einigen Punkte gut gemacht.

Es war der Auftakt für eine fünfmonatige Ochsentour - die Wahl des neuen Parteichefs findet erst im November statt. Özdemir und Ratzmann rangeln um die Nachfolge von Reinhard Bütikofer, den es nach Europa zieht. Die Wiederwahl seiner Co-Vorsitzenden Claudia Roth, die die Linken vertritt, gilt als sicher.

Gut drei Stunden dauerte das erste Schaulaufen der Aspiranten. Der schwäbische Europa-Abgeordnete Cem Özdemir durfte sich nach einem Münzwurf als erster präsentieren und machte seinem Ruf als Charmeur alle Ehre: Der Bad Uracher umschmeichelte die anwesenden Reformer (wie sich die Realos neuerdings nennen) gekonnt, erzählte vor allem von sich selbst und sei "spritziger" gewesen als der Berliner Fraktionschef Ratzmann, erzählt ein Teilnehmer. Unterm Strich habe sich ein Drittel der Anwesenden dann auch eindeutig für Özdemir ausgesprochen. Viele finden die Aussicht, als erste Partei einen Migranten zum Chef zu küren, außerordentlich attraktiv.

Offen für Ratzmann votierten nur Berliner. Der Rest habe Wohlwollen mit Özdemir signalisiert, aber zugleich Ratzmann als guten Kandidaten anerkannt, resümiert ein anderer.

Das lag offenbar daran, dass Ratzmann "konzeptionell stärker war", räumte ein Özdemir-Anhänger ein. Der Jurist habe gekonnt den großen politischen Bogen geschlagen und die Rolle der Grünen im Fünf-Parteien-System analysiert. "Wenn Ratzmann auch künftig so stark ist, kann er überall Stimmen holen."

Der Strafverteidiger hatte als erster noch vor Özdemir Interesse am Job des Parteichefs bekundet - und erhielt prominente Unterstützung von Spitzenkandidatin Renate Künast, die ebenfalls aus Berlin kommt. Ratzmann war (wie Künast) früher ausgewiesener Linker, zu Hausbesetzer-Zeiten wohnte er mit dem heutigen Wirtschaftsssenator der Linkspartei, Harald Wolf, in einer Wohngemeinschaft. Heute gilt der Anwalt sozusagen als Neo-Reformer, der in Berlin bereits Jamaika ausprobiert, wenn auch bisher nur in der Opposition.

Özdemir ist traditionelles Mitglied des Reformer-Flügels und hatte sich zunächst bitten lassen. Dann hieß es, er werde den mühseligen Job des Parteichefs übernehmen, wenn er dafür einen Platz im Bundestag bekommt. Auf dem Treffen am Wochenende gelobte Özdemir jedoch, er werde auf jeden Fall für den Vorstand antreten, auch wenn ihm die Baden-Württemberger kein Ticket nach Berlin ausstellen sollten.

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