Grünen-Vorsitz
Cem Özdemir: Auf Barack Obamas Spuren

Klar will Cem Özdemir den Migrantestatus nutzen: „Ich hoffe, unsere Mitglieder und Wähler heißen künftig Anne wie Ayse“, sagt er lachend am Vorabend seiner Wahl zum Parteichef der Grünen. Es ist das erste Mal in Deutschland, dass ein Nachkomme von Migranten den Vorsitz einer Partei übernimmt. Und er will von Barack Obama lernen.

BERLIN. Gedrängt hat sich der Europaabgeordnete nicht. Reinhard Bütikofer, den er beerbt, und der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer mussten Özdemir sanft schubsen. Anfangs zögert er, traut sich den Job angeblich nicht zu, will für seine Tochter "nicht der Grüßonkel werden" - und ermannt sich dann doch. Als sein anfänglicher Konkurrent, der Berliner Volker Ratzmann, aufgibt, ist der Realo-Platz an der Parteispitze frei für den anatolischen Schwaben. Doch die Partei meint es nicht gut mit ihm, die Baden-Württemberger Realos vermasseln ihm das Bundestagsmandat. Özdemir zögert erneut, lässt sich bitten.

Jetzt tritt er mit Verve an, will die Grünen im Superwahljahr besser verkaufen: "Wir müssen so formulieren, dass wir verstanden werden und zwar nicht nur vom Oberstudienrat", ätzt er mit Blick auf die differenzierten Papiere der Grünen, die noch lange nach dem Abschied aus der Regierung wie eine solche agierten. Weniger altbacken sollen die einstigen Revoluzzer werden, "lernen von der Obama-Kampagne und Medien wie Facebook und Youtube nutzen." Es komme eben "nicht mehr nur auf den Tagesthemen-Auftritt an".

Das ist ein Tritt vors Knie der alten Garde, der Trittins, Künasts, Roths und Kuhns - die rot-grün regierten. Der 42-Jährige verkörpert die nächste Generation. Pragmatisch, unbefangen, unbelastet von ideologischen Schlachten der Vergangenheit. In Brüssel wohnt er in einer WG mit dem FDPler Jorgo Chatzimarkakis.

Unter den alten Kämpen herrscht denn auch nicht eitel Freude. Denn das "Öbamale", wie ihn die Taz fast liebevoll nannte, wird nicht bescheiden im Hintergrund agieren wie Bütikofer. Warum auch? Gerade im Wahljahr gehe es doch für alle darum "Gas zu geben", sagt er der Taz. "Mediale Schüchternheit steht nicht in der Jobbeschreibung des Vorsitzenden."

Die Granden granteln: Özdemir sei ja nicht gerade Aktenfresser, heißt es süffisant. Auch habe er falsche Freunde - wie den Tübinger Palmer. Der habe ihm auch eingeflüstert, einen "Deal mit der Kohlewirtschaft" vorzuschlagen - eine Idee, die er schnell korrigierte. Auch Joschka Fischer empfahl der Partei fast zeitgleich einen weniger kategorischen Kurs. Zufall? Oder ein gemeinsamer Testballon?

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