Grüner Verkehrsminister Hermann
Der den Bahnchef das Fürchten lehrt

Alle wichtigen Ministerien in Baden-Württemberg, so hieß es, habe die SPD den Grünen weggeschnappt. Der Stuttgart21-Gegner und zukünftige Verkehrsminister Winfried Hermann sieht in seinem Haus aber ein Schlüsselressort.
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Stuttgart kann gar nicht mehr aufhören, die Republik zu verblüffen. Kaum hat man sich daran gewöhnt, dass die Grünen die eigentlichen Konservativen sind, da kürt der konservative Landesverband Baden-Württemberg den erklärten Linken Winfried Hermann zum neuen Verkehrsminister. Einen Linken, den der CSU-Bundesverkehrsminister schätzt und duzt, seit Hermann während der Krise mit der isländischen Aschewolke so zivil zu ihm war; einen Linken, den Bahnchef Grube wegen seiner Expertise in Sachen Stuttgart 21 zu fürchten gelernt hat. Und Verkehr ist für die Grünen nicht irgendein Ministerium. Es ist das Zentrum der Umgestaltung, die man in Baden-Württemberg ins Werk setzen will.

Viele haben in der Stuttgarter Ressortverteilung ein weiteres Zeichen dafür gesehen, dass die Grünen doch keine Volkspartei sind, die ein Industrieland führen kann. Alle Schlüsselressorts – Wirtschaft, Finanzen, Inneres, Justiz, sogar das Kultusministerium mit dem grün-roten Herzensprojekt Gemeinschaftsschule – gingen an die SPD. Integration: SPD! (Ausgerechnet eine zur SPD konvertierte Ex-Grüne, Bilkay Önay aus Berlin, wird dieses Amt nun bekleiden.) Wollten die Grünen nicht? Oder konnten sie nicht, weil ihnen das Personal für die klassischen Aufgaben fehlt?

Für Winfried Hermann ist das ein Denken von gestern. Verkehrspolitik, Infrastruktur – das ist für ihn die eigentliche neue Innenpolitik, da entscheidet sich, wie unsere Städte aussehen werden. In Stuttgart, wo der Konflikt um einen Bahnhof (der Hermann seit 15 Jahren umtreibt) zur völligen Umwälzung der politischen Landschaft geführt hat, kann man auf eine solche Idee kommen: Infrastruktur ist ein Grundsatzressort, das unser Leben viel sichtbarer prägt als ein Innenministerium. Obendrein, argumentieren die Grünen intern, habe man die entscheidenden Kompetenzen aus dem Wirtschaftsministerium des SPD-Superministers Nils Schmid (»Superle« nennen ihn die Grünen) herausgeeist und dem Verkehrs- beziehungsweise Umweltministerium einverleibt.

Der 58-jährige Hermann macht kein Hehl daraus, dass er ein Mann des linken Parteiflügels ist. Beide Flügel der Grünen reklamieren den Wahlsieg für sich: Die Linken sagen, man habe eindeutig einen Lagerwahlkampf gegen Schwarz-Gelb geführt; die Reformer glauben, der Konservativismus des Spitzenkandidaten Winfried Kretschmann habe der Partei auf dem Land und bei CDU-Wählern Stimmen verschafft.

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Kommentare zu " Grüner Verkehrsminister Hermann: Der den Bahnchef das Fürchten lehrt"

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  • "... für den Bau von Stuttgart 21 wird er als Minister nicht geradestehen" Und daran tut er recht, der Winfried Hermann! Das verstehen die Schwaben unter Glaubwürdigkeit. Aber vielleicht ist so was in Berlin anders? Oder Frau Künast hat noch nicht so ganz kapiert, worauf's den Wählern mittlerweile (auch) ankommt?

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