Grundschul-Test
Experten sehen nach Iglu-Studie Politik am Zug

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Deutsche Lehrerverband (DL) fordern angesichts der Ergebnisse des neuen Iglu-Grundschultests politische Konsequenzen. Die GEW empfiehlt, die Grundschulen als Maßstab für andere Schulformen zu nehmen, DL-Präsident Kraus mahnte Strukturreformen an.

dne/HB DÜSSELDORF/BERLIN. „Für die Politik liegen die Konsequenzen auf der Hand“, sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), Josef Kraus, im Gespräch mit Handelsblatt.com. „Wir brauchen überall kleinere Klassen und Fördergruppen. Außerdem muss noch einiges unternommen werden, damit Migrantenkinder solide deutsche Sprachkenntnisse erwerben.“

Kraus führt die „gewiss lobenswerten Leistungen“ der Schüler und Lehrer in Thüringen auf besondere regionale Umstände zurück. „Ostdeutsche Klassen sind nämlich wegen eines dramatischen Geburtenrückgangs seit der Wiedervereinigung erheblich kleiner als westdeutsche, und sie haben kaum Kinder mit Migrationshintergrund“, erläuterte Kraus. Das wirke sich gerade bei einem Lese- und Verständnistest aus. In den ostdeutschen Ländern gibt nach Kraus’ Angaben im Schnitt nur zwei bis vier Prozent Migranten, in den westdeutschen 15 bis 30. „Außerdem kommen die in den neuen Ländern lebenden Migranten zumeist aus völlig anderen Ethnien, wie zum Beispiel Vietnamesen, als die in den alten Ländern, wie zum Beispiel Türken“, sagte der DL-Präsident.

Dessen ungeachtet riet Kraus dazu, die Iglu-Ergebnisse nicht überzubewerten. Es sei zwar „schön, dass nach den Sachsen bei Pisa jetzt mit Thüringen bei Iglu ein weiteres Mal ein ostdeutsches Land knapp den ersten Platz errungen hat“, so Kraus. „Das tut der oft gebeutelten ostdeutschen Seele gut.“ Doch wenn man alle Ergebnisse und Rangplätze aller Leistungstests zusammennehme, dann halte sich Bayern an der Spitze.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht in den Ergebnissen des neuen Iglu-Grundschultests einen weiteren Beleg für die Notwendigkeit einer umfassenden Schulreform in Deutschland. „Es ist erfreulich, wie gut Viertklässler in allen Bundesländern bei dem Test abschneiden“, sagte die GEW- Vizevorsitzende Marianne Demmer der Nachrichtenagentur dpa. Der Erfolg der deutschen Grundschulen auch im internationalen Vergleich zeige, „dass auch in Deutschland der Weg zur Weltspitze möglich ist - sofern die Lernbedingungen stimmen“.

Die GEW-Vizevorsitzende reagierte damit auf die am Montag vorab bekanntgewordenen Ergebnisse des innerdeutschen Bundesländervergleichs der Iglu-Grundschulstudie. Sie soll an diesem Dienstag in Berlin offiziell vorgestellt werden. Nach der Studie können Viertklässler aus Thüringen am besten lesen und Texte verstehen. Mit knappen Abstand folgen danach die bayerischen Schüler. Aber auch die anderen Bundesländer liegen mit ihren Leistungen dicht beieinander. Selbst Schlusslichter in dem Grundschul-Bundesländervergleich - wie Bremen - erreichen noch immer internationale Durchschnittswerte.

Demmer sagte, es sei um so auffälliger, wie stark später die 15- Jährigen aus Deutschland bei internationalen Schulvergleichen mit ihren Leistungen einbrechen. Die GEW-Vize führt dies vor allem „auf die unsinnig frühe Aufteilung“ zehnjähriger Kinder auf unterschiedlich anspruchsvolle Schulformen zurück. „Kinder müssen möglichst bis zum Ende der Pflichtschulzeit voneinander und miteinander lernen können - und nicht in Schubladen einsortiert werden“. Im weltweiten Vergleich werden nur noch in Deutschland und Österreich Kinder bereits im Alter von zehn Jahren auf unterschiedliche Schulformen verteilt.

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