Günter Grass' Kapitalismuskritik
„Wir müssen das System aufbrechen“

Es sollte die Vorstellung eines Willy-Brandt-Buchs werden. Doch Günter Grass holte zur umfassenden Kapitalismuskritik aus. Da blieb SPD-Chef Sigmar Gabriel nur übrig, Fehler zuzugeben.
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BerlinEs dauert genau zehn Minuten, bis im Willy-Brandt-Haus das andächtige Lauschen in lauten Applaus umschlägt. Zuvor hatte das Publikum in der überfüllten SPD-Parteizentrale erlebt, wie sich der Schriftsteller und Nobelpreisträger Günter Grass auf das Podium begab, gefolgt von Parteichef Sigmar Gabriel. Wie sich Grass ein Glas Brunello di Montalcino vom Weingut Il Poggione einschenkte und zum Mikrofon griff. Wie er die ersten Details seiner legendären Wahlkampfreise für Willy Brandt im Jahr 1969 zum Besten gab.

Doch dann begann Grass seine Abrechnung mit dem Kapitalismus. „Wir erleben, dass das System, in dem wir leben, das kapitalistische, sich in einem Zustand der Selbstzerstörung befindet“, tönt der 83-jährige Schriftsteller. „Aber niemand hat den Mut, von einem Systemwechsel zu sprechen.“ Applaus brandet auf. „Wir müssen das System, unter dem wir leben und zu Konsumenten degradiert sind, aufbrechen“, ruft Grass. „Die SPD sollte ihrer Tradition folgen und sich zum Sprecher dieser grundsätzlichen Veränderung machen.“

Die Menschen im Willy-Brandt-Haus klatschen nun wild. Das durchschnittliche SPD-Mitglied ist  rund 60 Jahre alt, auch heute überwiegt graues Haar. Nur einige Jüngere haben an diesem Freitagmittag den Weg in die Parteizentrale gefunden.

Grass kritisiert, es gebe „eine Abhängigkeit, eine Hörigkeit ohne Gleichen“ vom Bankensystem. „Mir fehlen bis zum heutigen Tage die entscheidenden Worte aus der Richtung, die ich politisch gerne weiterhin unterstützen möchte, solange ich noch krauchen kann“, sagt der bekennende SPD-Sympathisant Grass in Richtung Gabriel. Der gibt zu: „Wir haben 20 bis 30 Jahre lang Teile dessen mitgemacht, was wir jetzt in Frage stellen.“

Es ist ein ungleiches Paar auf der Bühne. Grass, in Cordhose, brauner Jacke und blauen Socken, Gabriel im dunklen Anzug mit Krawatte. Seitlich von ihnen steht die 3,40 Meter hohe Bronzefigur von Willy Brandt. Davor ein Strauß roter Rosen. Es ist sein 19. Todestag.

Und eigentlich soll es bei der Veranstaltung auch um ihn gehen. Zumindest um die legendäre Wahlkampftour, zu der Günter Grass im März 1969 für Willy-Brandt aufbrach. Über die Reise ist nun ein Buch erschienen, das Grass vorstellt – und nach der Diskussion auch fleißig signiert.

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Mit dem Campingbus zum Wahlsieg

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  • Ich kann mich noch gut an den Wahlkampf von Grass erinnern, er scheint hingegen Gedächtnislücken zu haben: der SPD war so mancher Auftritt von Grass eher peinlich und er wurde auch gelegentlich zurückgepfiffen, worauf er sich in die Schmollecke verzog! Dass Grass zum Wahlsieg der SPD damals beigetragen hat, wage ich sehr zu bezweifeln! Eines möchte ihm aber positiv anrechnen: er war und ist ein wahrhaft lebendiger Demokrat. Nur, wo war seine Stimme, als Schröder den größten Verrat an der Sozialdemokratie verübte, wo seine Kritik, als die SPD den größten Aderlass der Arbeitnehmerschaft abverlangte? Die Worte Gabriels sind blanker Hohn und zeugen nur vom desolaten Zustand einer einst großartigen Partei.

  • @Osterwelle

    Das macht Sinn, jetzt hab ich's begriffen. Danke!

  • Sollte er etwa sagan, "...mir schmeckt der Wein, und meine Moneten habe ich längst in der Schweiz?". Nein, das hätte wenig Sinn. Er muß etwas erklären, was ihm weitere Moneten zuspielt, um den nächsten Karren nach Zürich zu fahren.

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