Günther Jauch
Blackout, biblische Wunder und Griechen-Witze

Der Stromausfall war der Höhepunkt: Danach gab's bei Günther Jauch nur bildgewaltige Vergleiche, Spekulationen aus der Ferne, einen blassen AfD-Mann Lucke und schale Griechen-Witze. Die haben allerdings Folgen.
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BerlinUm kurz vor elf Uhr griff der CDU-Innenpolitiker und abgehärtete Talkshow-Veteran Wolfgang Bosbach zu einem der weitreichendsten Vergleiche, die wohl jemals in deutschen Talkshows zu hören waren. „Es wäre das größte Wunder seit der Auferstehung des Herrn, wenn Griechenland in der Lage wäre, die aufgenommenen Schulden pünktlich und in voller Höhe zurückzuzahlen“, sagte er da.

Wie genau Bosbach das meinte und ob es Rückschlüsse auf die Haltung der Bundesregierung zuließ, ging in allgemeinem Durcheinanderreden unter. Günther Jauchs Talkshow mit dem Titel „Der Euro-Schreck – Wohin führt die Griechen-Wut?“ erwies sich als ebenso bissiger wie fruchtloser Austausch überwiegend bekannter Meinungen.

Programmgemäß hätte sie um kurz vor elf auch schon zu Ende sein müssen. War sie aber nicht. Denn der Anfang lief anders als geplant. „Wegen eines Stromausfalls in Teilen Berlins kann ,Günther Jauch' derzeit nicht live senden“, wurde zunächst eingeblendet. Dazu war irgendjemand bei der ARD auf die seltsame Idee gekommen, Ausschnitte aus der zwei Jahre alten Talksendung zu wiederholen, in der Jauch mit dem österreichischen Entführungsopfer Natascha Kampusch sprach.

Erst nach gut 20 Minuten ging Jauch live auf Sendung – und strapazierte gleich mehrmals den schalen Gag, beim Stromausfall habe es sich um „griechische Verhältnisse“ gehandelt. Das kam bei den Zuschauern nicht gut an. Bei Twitter brach ein Shitstorm los.

Die fehlenden 20 Minuten hängte die ARD hinten dran – trotz der arg zähen Diskussion. „Wir haben den Menschen Rettungsringe zugeworfen, und sie empfinden sie als Bleiwesten“ – so lautete ein weiterer bildgewaltiger Bosbach-Vergleich. Der CDU-Mann war mit viel Zahlenmaterial und vor allem europäischen Vergleichen bewaffnet: Griechenland habe doppelt so hohe Arbeitskosten wie Polen und die Hälfte der Produktivität. Steuerzahler in anderen Ländern sollten nicht bezahlen, was der neue Ministerpräsident seinen Wählern versprochen hat.

Am schärfsten Kontra gab die Linke-Vorsitzende Katja Kipping. Sie zeigte sich ähnlich kämpferisch beim unbeirrten Weiterreden wie Bosbach und geißelte die „sozialpolitische Vernichtungsschneise“. Die hätten das „Kürzungsdiktat“ der EU und der Troika geschlagen.

Vom AfD-Parteitag aus Bremen nach Berlin-Schöneberg geeilt war Parteichef Bernd Lucke. Zwar vibrierte er körpersprachlich geradezu vor Energie, kam aber selten zu Wort. Bosbachs „Der estnische Rentner soll nicht dafür bezahlen, dass es in Griechenland Weihnachtsgeld gibt“, nannte Lucke „zynisch: Wer hat denn die estnischen Rentner in diesen Haftungsverbund hineingetrieben?“.

Die Position Griechenlands dem Publikum näherzubringen, war dem Journalisten und Blogger Michalis Pantelouris als Deutsch-Griechen zugedacht. „Blogger, Autor, Olivenöl“ steht in seinem Twitter-Account. Und tatsächlich berichtete der Hamburger, dass seine Versuche, in „einer modernen Form von Ölmühle“ Olivenöl zu produzieren, seit drei Jahren an der griechischen Bürokratie scheiterten.

Bisher sei das Land „die Beute von zwei verschiedenen Parteienclans“ gewesen, zuletzt sei „ein untaugliches Programm auf eine unfähige Regierung gestoßen“. Daher knüpft Pantelouris an die neue Syriza-Regierung die Hoffnung, dass sie es „möglichweise hinkriegt, ein modernes, transparentes, nichtkorruptes Griechenland zu schaffen“.

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  • Herr Jauch hat sich bei vielen Themen recht gut gehalten in der Diskussion - : HIER war er fehl am Platz.. Keiner kann alles koennen oder leiten. Ausserdem : Es gibt klüegere Koepfe bei solchen Themen als Diskutanten.!Dieses Thema war zu wichtig fuer die meisten Deutschen - soooo konnte nichts herauskommen.

  • Und genau das ist Ihr Problem. Ums noch mal konkret zu sagen, die EU hat nicht Griechenland gerettet, sondern den Banken, die sich mit griechischen Papieren verspekuliert haben. Die Griechen, ich meine damit das Volk, zahlen dafür die Zeche. Und noch etwas sollte bedacht werden, wir Zahlen vor allem für unsere eigene Fehler:
    1, Griechenland wurde in die Eurozone aufgenommen, obwohl allen klar war, dass die Bilanzen geschönt waren und Griechenland eine tickende Zeitbombe war.Aber es war halt politisch gewollt.
    2. Wir haben jahrelang eine korrupte griechische Regierung am Leben erhalten, die nachweislich wenig getan hat um das Land voranzubringen. Sie passte halt in unsere geostrategische Landschaft.
    3. Wir haben auf Kosten der Bevölkerung in Griechenland unsere Banken entschuldet.

    Und jetzt, wo endlich mal eine Regierung sich weigert den ruinösen Kurs fortzuführen und bereit ist vernünftige Reformen im Lande selber durchzusetzen (z.B. Steuerreform) meckern wir rum, wie schlimm doch die Griechen sind und wieso sie die ganze Zeit nichts gemacht haben. Also ich wünsche Tsiepras alles gute und eine feste Hand.

  • eine bessere themenabstimmung unter den sendern bzw. moderatoren wäre sinnvoll - ebenso bei der auswahl der gäste. das ewige talkshow-hopping ist für den zuschauer manchmal unerträglich.

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