Günther Jauch
Europa und die Zukunft am „sehr dünnen Faden“

Kann Europa für Frieden in der Ukraine sorgen? Die Frage hat bei Günther Jauch für Streit gesorgt. Mittendrin: EU-Parlamentspräsident Martin Schulz und Ex-US-Botschafter John Kornblum. Lösungsansätze bleiben rar.
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BerlinSo kompliziert und bedrohlich für den internationalen Frieden wie zurzeit war die Lage in Europa wohl selten, in diesem Jahrtausend vielleicht noch nie. Unter dem Titel „Schicksalstage in Europa – Auf wen hört Putin noch?“ bei Günther Jauch wurde darüber emotional, zwischendurch ausdrücklich versöhnlich, über weite Teile aber barsch, harsch und unversöhnlich diskutiert. Und das obwohl überhaupt keine Vertreter der tatsächlich kämpfenden Seiten im Studio saßen. Insofern handelte es sich um eine der wenigen Jauch-Talkshows, die tatsächlich die Lage widerspiegelten.

Am aufschlussreichsten waren die wiederholten scharfen Auseinandersetzungen zwischen Martin Schulz, der als Präsident des Europäischen Parlaments große Hoffnungen auf Angela Merkels und François Hollandes aktuelle Friedens-Initiative und das am Mittwoch in Minsk verabredete Treffen setzte („Europa zieht das Krisenmanagement auf seine Ebene“), und John Kornblum. „Im Endeffekt liegt die Macht in Washington“, sagte der US-amerikanische Botschafter in Deutschland von 1997 bis 2001, der schon in allerhand Talkshows US-Positionen erklärt hat.

Dabei wurde die virulente, bei der Münchener Sicherheitskonferenz am Wochenende keineswegs geklärte Frage, ob die USA der Ukraine Waffen liefern werden, kaum besprochen. US-Präsident Obama sei „bis jetzt stark dagegen gewesen“, sagte Kornblum. Waffenlieferungen könnten die Ukraine „verführen“, sich einzubilden, sie könne den Konflikt mit den von Russland unterstützten Separatisten militärisch lösen, befürchtete Schulz. Die von diesem postulierte Zukunft Europas hinge an einem „sehr dünnen Faden“, weil die EU ganz ohne Möglichkeiten, Putin zu beeinflussen, in Verhandlungen mit Russland ginge, lautete Kornblums Gegenargument.

In einem Nebensatz ließ SPD-Mann Schulz fallen, er sei „in den meisten Punkten mit John Kornblum nicht einer Meinung“. „Es gibt eine Tendenz in Deutschland, alles den Amerikanern in die Schuhe zu schieben“, ließ Kornblum größere Frustration über laufende Entwicklungen durchscheinen. Beide Äußerungen hätten noch vor wenigen Wochen größere Überraschung ausgelöst. Schulz' Argument, die USA seien „nicht der Nachbar Russlands“, das zum Beispiel in nordpolaren Regionen mitnichten zutrifft, zeugte vom Feuer der Debatte. „In der globalisierten Welt sind alle Nachbarn“, lautete, dazu passend, einer der wenigen allseits zustimmungsfähigen Sätze Kornblums.

Einzige Frau in der Runde war die Moskau-Korrespondentin der ARD von 1987 bis 1992. Gabriele Krone-Schmalz wurde ihrer schon in vielen jüngeren Talkshows ausgefüllten Rolle als „Putin-Versteherin“ gerecht. Dass dieser Begriff in weiten Teilen des Publikums als keineswegs so negativ aufgefasst wird, wie er ursprünglich gemeint war, ist inzwischen bekannt. „Nicht alles, was schiefgelaufen ist, lässt sich Moskau in die Schuhe schieben“, sagte Krone-Schmalz anfangs und blieb hinfort in gewohnter Beinhärte bei dieser Linie. Ihre Positionen setzte sie eher als bekannt oder nachlesbar voraus, anstatt sie zu erklären. Vorschläge zur Lösung des Konflikts kamen von ihr kaum.

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Kommentare zu " Günther Jauch: Europa und die Zukunft am „sehr dünnen Faden“"

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  • Frau Müller,
    "JA ABER" bin ich im Kindergarten??

    -Russland hat Deutschland die Wiedervereinigung ermöglicht !!
    - Russland hat diese Länder in die Freiheit entlassen
    - RU hat stillgehalten bis die EU/NATO die Ukraine mit dem milit. Stützpunkt Krim
    einnehmen wollte.

    KAKTEN - ENDE DER DISKUSSION

  • Ja, richtig Herr Knoll: Es geht vor allem Geostrategische Interessen: Die USA wollen die NATO direkt an der russischen Grenze, Russland will das naturgemäß nicht. Russland ist ohne die Schwarzmeerflotte auf der Krim nicht verteidigbar. Darum geht es der Nato. Man lese Brzezinski: "Ein immer engeres transatlantisches Bündnis, die fortschreitende "Einigung" Europas und die Erweiterung der EU und NATO nach Osten liegen im vitalen Interesse Amerikas. Die USA, auf ihrer weit entfernten Insel, die Polen, die Balten, Ukrainer haben dieselben Interessen. West- und Kontinentaleuropa hat andere Interessen.

  • Herr Knoll,

    alles richtig und Putin betont ja, dass er etwas dagegen hat, wenn sich eine Macht zur Weltmacht aufspielt! Soweit so gut!

    Nur er will ja dasselbe! Solange die Ukrainer still hielten ging das ja alles recht gut. Russland war bei der NATO integriert, die Wirtschaft kooperierte.....

    Eine Neutralität der Ukraine fände ich so gut wie Sie. Dann wären doch zumindest die wichtigsten Punkte zwischen Ost und West geklärt!

    Aber soweit hat es Putin ja gar nicht kommen lassen, er hat sich als erstes die Krim gekrallt! Was haben die ukrainischen Soldaten dort gemacht?
    Nichts, sie haben keinen einzigen Schuss abgegeben und sind abgezogen!

    Jetzt will er noch einen Teil aus der Ukraine heraustrennen! Das Muster ist ja bekannt, das hat er bereits mehrfach durchgezogen und auch da hat der Westen zugeschaut und verharrt!

    Außerdem gibt es noch eine große Macht auf diesem Planeten und das ist China! Mal sehen wie sich das in der Zukunft entwickelt!?

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