Günther Jauch

Talkshow kreist weiter um Putin-Interview

Eine Diskussion mit den Stargästen Matthias Platzeck und Wolf Biermann kreiste bei Günther Jauch erneut um Wladimir Putin und Russland. Sie verlief argumentativ oft abenteuerlich – aber doch aufschlussreich.
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Der Liedermacher Wolf Biermann saß in Lederjacke inmitten von Anzugträgern und schwebte als Künstler ostentativ über der Runde. Quelle: dpa

Der Liedermacher Wolf Biermann saß in Lederjacke inmitten von Anzugträgern und schwebte als Künstler ostentativ über der Runde.

(Foto: dpa)

BerlinManchmal erzählt der „Tatort“ am Sonntagabend keine abgeschlossene Geschichte, sondern ist als Zweiteiler angelegt. Am gestrigen Sonntag aber war es Günther Jauchs Talkshow nach dem Krimi, die genau dort weitermachte, wo ihre vorige Ausgabe aufgehört hatte: Es ging um weitere Deutungen des Putin-Interviews, das eine Woche vorher in der gleichen Talksendung und dann in anderen Medien viel Gesprächsstoff ergeben hatte.

Im Anschluss an eine kleine Schlagzeilen-Schau holte der Moderator erst mal Lob von seinen Gästen für die Sendung der Vorwoche ein, dann ging's um das Thema „Antwort an Putin: Nachgeben oder Härte zeigen?“ Kurz vor Schluss der Show geschah dann etwas, das Talkshowzuschauer so nur selten erleben: Im Studio, in dem vorher durchaus heftig gestritten worden war, herrschte auf einmal eine gewisse Einigkeit.

Die Gäste hatten sich aus kontroversen Ecken tatsächlich aneinander angenähert. Gabriele Krone-Schmalz, bis 1992 ARD-Korrespondentin in Moskau, die die Sendung über streng, oft schneidend, harte Kritik an der westlichen Russland-Politik geübt hatte, stimmte der Formulierung zu, dass die NATO Russland nicht tatsächlich bedroht.

Im Gegenzug zeigte der FDP-Europaparlamentarier Alexander Graf Lambsdorff sich bereit, russische Befürchtungen gegenüber der NATO „als subjektive Befindlichkeit“ dennoch ernstzunehmen. „Angst beseitige ich nicht durch den Spruch 'Du musst keine Angst haben!'“, fasste der wiederum als Russland-Freund wahrgenommene SPD-Politiker Matthias Platzeck es zusammen und fand sogar noch Zeichen der Hoffnung für einen teilweisen Neuanfang des Dialogs mit Russland unter der neuen EU-Kommissions- und NATO-Führung.

Daraufhin setzte der vierte Gast in Jauchs Studio, der durch seine Bezeichnung der Linkspartei als „Drachenbrut“ gerade wieder sehr bekannt gewordene Liedermacher Wolf Biermann zu einer großen („Meine Toleranz gegenüber Unterdrückern ist sehr schwach“) und in Teilen bemerkenswert persönlichen Abschlussrede an („Ich bin im Grunde zu heftig in meinem Herzen und zu schwach in meinem Verstand um etwas Gutes liefern zu können ...“) an.

In diesem große Schwange erzählte Biermann erst noch weithin unverständlichen Witz. Und kurz darauf tat Moderator Jauch etwas, was er auch nicht oft tut: Er unterbrach seinen Studiogast an einer sinnvollen Stelle. Bevor Biermann um Putin, den er weiterhin als Diktator bezeichnete, einen bestenfalls krude unnötigen Nazizeit-Vergleich zu Ende gesponnen hatte („Er ist nicht mal fähig, wie Adolf Hitler eine Autobahn zwischen Petersburg und Moskau zu bauen ...“), schaltete der Moderator zu „Tagesthemen“-Moderatorin Caren Miosga.

Skandalhungrige Zeitgenossen hätten gerne noch zwei, drei Sätze mehr gehört. Alle anderen, inklusive Biermann, dürften froh sein, dass dieser Satz abgewürgt wurde. Jauchs vergleichsweise marginalen Fehler, zuvor den 1936 geborenen Liedermacher 83-jährig genannt zu haben, dürften nun alle, vor allem Biermann, verzeihen.

Hoch her ging es aber eigentlich schon von Anfang an. In ihrem ersten Wortbeitrag meinte Krone-Schmalz: Wenn die EU vor dem Assoziierungsabkommen mit der Ukraine zu einem Dialog mit Russland bereit gewesen wäre, wären viele 1.000 Menschen – die den Kämpfen in der Ostukraine zum Opfer gefallen sind – noch am Leben.

Das galt vor allem dem damaligen EU-Kommissions-Präsidenten José Manuel Barroso. Erst als Jauch wesentlich später nachhakte, relativierte Krone-Schmalz, die nicht immer den Überblick über die Fülle ihrer Argumente behielt, dies harte Kritik ein wenig. Was auf der Krim geschah, wollte sie mit einer abenteuerlich anmutenden völkerrechtlichen Argumentation lieber „Sezession“ als „Annexion“ nennen. Die Gegenposition vertrat Lambsdorff, der von der „ersten völkerrechtswidrigen Annexion in Europa seit 1945“ und dem „russischen Interesse, Länder auf dem Weg nach Westen aufzuhalten“, sprach.

Wie Jauchs allerletzte Schlusspointe verriet, war ein Verwandter, Wladimir Graf Lamsdorf, russischer Außenminister von 1900-1906 gewesen und hatte seinerzeit vom Krieg gegen Japan (den das Zarenreich bekanntlich dennoch führte und der im Nachhinein als Etappe seines Untergangs erscheint) abgeraten. Dieses Kuriosum hätte auch früher erwähnt werden dürfen.

Dann hätten diplomatische Weisheiten des jungen Lambsdorff à la „Wenn man mit einem Bären tanzt, hört man nicht auf, wenn man selbst müde ist, sondern wenn der Bär müde ist“ mehr Wirkung entfaltet. Die nicht mehr oft im Fernsehen vertretene FDP-Sache vertrat er dennoch souverän.

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30 Kommentare zu "Günther Jauch: Talkshow kreist weiter um Putin-Interview"

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  • Danke für den Link, lesenswert!

  • Noch eine Anmerkung zu der Aussage von Herrn Lambsdorff. Was ist mit Zypern. Bis heute eine geteilte Insel, die Türkische Republik Zypern ist nur von der Türkei anerkannt. Vielleicht sollte sich Herr Lambsdorff mal die Geschichte zu Gemüte führen, bevor er Russland als den Bösewicht seit 1945 ausmacht.

  • RUSSLAND wird zur Zeit als der böse Bube dargestellt.Herr Lambsdorff „ersten völkerrechtswidrigen Annexion in Europa seit 1945“. Vergessen wir so schnell die von USA geführten Kriege, ja es ging darum den Kommunismus aufzuhalten. Korea, Vietnam, Grenada um ein mmissliebiges System abzusetzen und Amerikaner zu schützen, zwei Golfkriege, Afghanistan, Irak-Krieg mit verlogenen Argumenten. Sturz eines demokratischen, gewählten PRÄSIDENTEN (Chile) mit Hilfe des CIA. Die Liste kann man noch fortsetzen. Russland hat auch einiges auf dem Kerbholz, dazu gehört auch der Krieg in Afghanistan, Ungarn-, Tschechien-, 17.Juni in der DDR.
    Wieso ist nur Russland ein Problem? Wir reden von der DDR als Überwachungsstaat, was machen USA und England, alles wird mitgelesen (NSA) wir sind sind die Guten, denn wir suchen nur Terroristen.
    Putin der Böse, russische Presse und russisches TV nur Propaganda und Lügen, so einfach macht man es sich. Die Toten auf dem Maidan, wo bleiben die Untersuchungsberichte? Flug MH17,wo sind da die Auswertungen.
    Unscharfe Satelittenbilder wo kaum zu erkennen was behauptet wird, gleichzeitig kann ich auf Google Satelittenbilder sehen auf denen ich meinen Wagen in der Einfahrt erkennen kann.
    Es gibt da einen schönen Satz von Jesus, "Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie."

  • Leider hat die SZ Girkins Zitat verkürzt wiedergegeben, so dass der Sinn entstellt wurde. Wie man in dieser Medienkritik:
    http://www.heise.de/tp/artikel/43/43398/1.html
    lesen kann, gab Girkin zu, daß er von der Krim in die Ostukraine gegangen ist und dort versuchte die Russische Föderation zum Eingreifen zu provozieren. Daher ist Girkins Aussage als Beleg für Russland als Ursache der Unruhen in der Ostukraine ungeeignet.

  • Fabian Stark
    Auslöder des Ukraine Konfliktes war nicht Putin, sonder der Westen.

  • Gewalttaten Moskaus sind nicht bestätigt.

    Wichtig für die Lösung des Konflikts ist eine differenzierte und unvoreingenommene Bewertung der Situation seitens der EU und Deutschland.

  • können Sie (ich kann kaum glauben noch immer höflich zu bleiben) vielleicht mal versuchen Ihre Ansichten zu differenzieren?
    Wann immer hier (und in anderen Foren) ein Beitrag steht, beide Seiten hätten klüger handeln können, behaupten Sie stets NUR Russland oder Putin selbst trage die Schuld.
    Die Einäugigkeit Europas ist unübersehbar... Guantanamo, Menschenrechte, Allianz der Willigen,...

    Um bei Ihrem Täter-Opfer-Beispiel zu bleiben: Sind also die USA die legitime Welt-Polizei, alle anderen nur Unruhestifter?

    Ebenso ist nicht Russland Auslöser des Konflikts, sondern der Umbruch in der Ukraine, welche Ursachen dieser auch immer haben mag.
    Auslöser könnte auch der Gesetzesentwurf sein die Russische Sprache zu verbieten.
    Man kann auch nicht leugnen, dass die Etappen des Konfliktes besser hätten bewältigt werden können.
    Der "Westen" hätte bspw. dem Volksentscheid auf der Krim unter bestimmten Bedingungen zustimmen können. Denn weder russisches Militär, noch ukrainisches wären dafür von Nöten gewesen.

  • @ HB, bitte versuchen Sie in Zukunft zu verhindern, dass sich dauerhaft mit anderen Namen neu anmelden um dann den gleichen "Stuss" von sich zu geben wie vorher mit anderen Accounts...
    Dies macht einfach hier das Ganze sehr ärgerlich für Leute die wirklich diskutieren wollen. Sollte derjenige natürlich von Ihnen selbst eingesetzt sein bitte ich nur um ein wenig mehr Abwechselung was den Schreibstil etc. betrifft da es so wie es abläuft brutal auffällig ist und selbst ein blinder Analphabet dies erkennen würde. Danke

  • http://www.finanzen.net/devisen/us_dollar-russischer_rubel-kurs

  • "Wenn die Gefechte in der Ukraine weitergehen, muss die EU Druck auf alle Beteiligten (Russland, Separatisten und Ukraine) machen,"

    Wie wollen Sie denn Druck auf Russland ausüben, wenn Sie nicht zu militärischen Mitteln oder Sanktionen greifen wollen? Putin will schließlich nicht reden sondern seinen Willen kompromisslos durchsetzen. Sie können sich natürlich auch mit dem Gewalttaten der Russen abfinden, aber dazu besteht aus unserer Position der Stärke überhaupt keine Veranlassung.

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