Guido Westerwelle: „Wir hatten das Ziel vor Augen“

Guido Westerwelle
„Wir hatten das Ziel vor Augen“

Mehr als 30 Jahre Politik, zehn Jahre FDP-Chef, vier Jahre Außenminister – Guido Westerwelle gehörte zu den prägenden Gestalten der deutschen Politik. Jetzt ist er mit nur 54 Jahren an den Folgen von Leukämie gestorben.

BerlinIm Herbst vor anderthalb Jahren dachte Guido Westerwelle schon einmal, es sei soweit. Wegen seiner Leukämie hatte er in der Uniklinik Köln von einem fremden Spender Knochenmark-Stammzellen transplantiert bekommen. Auf eine der vielen Infusionen, die danach sein müssen, reagierte sein Körper allergisch. Das Herz raste, die Augen kippten nach hinten, er bekam keine Luft. „Ich dachte: So also fühlt es sich an, das Sterben.“

Am Freitag ist der ehemalige FDP-Vorsitzende, Außenminister und Vizekanzler nun tatsächlich gestorben. Mit 54 Jahren nur, an den Folgen von akuter myeloischer Leukämie, einem Blutkrebs der besonders schlimmen Art.

Auf der Homepage seiner Stiftung, der Westerwelle Foundation, war kurz danach ein Foto aus glücklicheren Tagen zu sehen. Ein Selfie mit seinem Mann Alexander Mronz, irgendwo am Strand. Dazu vier Zeilen Text: „Wir haben gekämpft. Wir hatten das Ziel vor Augen. Wir sind dankbar für eine unglaublich tolle gemeinsame Zeit. Die Liebe bleibt.“ Darunter das Datum und ihre beiden Namen.

Mit dem Buch, das er über seine Krankheit verfasste („Zwischen zwei Leben – Von Liebe, Tod und Zuversicht“), hatte der FDP-Politiker in den vergangenen Monaten viele Menschen gerührt. Aber die Hoffnung, noch einmal davon zu kommen, trog dann doch. Westerwelle – die ganze Karriere hindurch immer einer der Jüngsten – gehörte zur kleinen Zahl von Politikern, die sowohl in der späten Bonner als auch in der Berliner Republik prägende Gestalten waren. Aus dieser Generation ist er jetzt auch einer der ersten, die zu Grabe getragen werden.

Zeit seines Lebens gehörte der Anwaltssohn aus Bonn zu den Leuten, über die die Meinungen auseinandergingen. Bewundert, bejubelt, verspottet, verhasst. Zu Beginn der 80er Jahre fiel er zum ersten Mal auf: Als im Bonner Hofgarten Hunderttausende gegen die Nachrüstung demonstrierten, stand Westerwelle mittendrin und verteilte Flugblätter – dafür. Das war für ihn der „Ausdruck vom Recht auf eine eigene Meinung“, von Selbstbehauptungswillen auch.

Nach dem Ende der sozialliberalen Koalition 1982 war Westerwelle bei der Gründung des neuen rechtsbürgerlichen FDP-Nachwuchses dabei, der Jungen Liberalen. Im Jahr darauf wurde er deren Vorsitzender – der Beginn eines Lebens fast ausschließlich für die Politik. Eher nebenbei studierte er Jura, machte an der Fern-Uni Hagen seinen Doktor, wurde Anwalt.

Als „Ziehvater“ galt lange Zeit Hans-Dietrich Genscher. Dessen Nachfolger Klaus Kinkel machte ihn – mit gerade mal 32 Jahren, was damals noch ungewöhnlich war – zum Generalsekretär der FDP. Westerwelle war Ehrgeiz pur. Lauter, forscher, schriller als jeder andere. Auf Parteitagen konnte er die Leute schwindelig reden.

2001, mit 39, wurde er FDP-Chef und machte sich daran, die Liberalen vom Mehrheitsbeschaffer zur „Partei des ganzen Volkes“ zu verwandeln. Er ließ sich zum Kanzlerkandidaten ausrufen, reiste im Wohnmobil durch die Republik, stieg bei „Big Brother“ in den Container und malte sich eine gelbe „18“ als Wahlziel auf die Schuhsohle. Einmal deklarierte er sich sogar zur „Freiheitsstatue der Republik“.

Westerwelle lag damals im Zeitgeist, hielt im Bundestag die besten Reden. Er fing schon damit an, für die FDP wieder Ministerposten zu verteilen. Trotzdem blieb es bei Opposition. Kritik musste er aushalten bis zum Unmaß, ohne dass ihn dies besonders nachtragend machte. Aber es gab auch Sachen, die er nie verzieh. Zum Beispiel, dass er einmal den „Spiegel“ in seine Wohnung ließ und dann als Träger von „Stoppersocken“ geoutet wurde.

Die Affäre um Jürgen Möllemann, als die FDP in die Nähe des Antisemitismus geriet, ließ ihn für eine Weile leiser werden. In diesen Jahren bekannte er sich zu seiner Homosexualität, präsentierte 2004 am 50. Geburtstag von Angela Merkel auch einen Partner, den Sportmanager Michael Mronz. Wer geglaubt hatte, dass er damit etwas von seinem Misstrauen verlieren würde, sah sich getäuscht.

Und dann, im dritten Versuch, 2009, gelang doch noch die Wunsch-Koalition mit der Union – mit einem Sensationsergebnis von 14,6 Prozent. Die Versprechen waren groß und die Erwartungen auch.

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