Guiseppe Vita
„Ossis und Wessis – das ist Geschichte“

Der ehemalige Chef des Pharmakonzerns Schering geriet wegen Falschparkens ausgerechnet in jenen Stunden in Konflikt mit Polizei und Abschleppdienst, als die Mauer fiel. Heute blickt der gebürtige Italiener (75) als Aufsichtsratschef aus der Zentrale der Axel-Springer AG auf das einst zweigeteilte Berlin. Seine Erinnerungen erzählte Vita dem Handelsblatt-Redakteur Dieter Fockenbrock.
  • 0

Auch wenn es überraschend klingt: Die Mauer - und damit meine ich zugleich den eisernen Vorhang - hat dafür gesorgt, dass sich die Wirtschaft in der westlichen Welt genauso wie in West-Berlin bis 1989 fabelhaft entwickelt hat. Denn für Millionen Menschen und damit auch Konkurrenten aus aller Welt war der Weg in unseren Teil der Welt versperrt. Das mag ein ungewöhnlicher Blick auf die Dinge sein, aber es ist ein realistischer.

Der Mauerfall und damit das Ende des eisernen Vorhangs bedeutete das Ende der Teilung der Welt in Ost und West, das Ende der Teilung in die kapitalistische Wirtschaft auf der westlichen und die staatliche Planwirtschaft auf der östlichen Seite.

Die Jahre der Trennung erklären auch den folgenden tiefgreifenden Strukturwandel in Berlin und im Osten Deutschlands. Und es wird klar, warum tausende Arbeitsplätze nach der Wiedervereinigung verloren gingen. Das gilt für das alte West-Berlin genauso wie für weite Teile der neuen Bundesländer.

Mit den Folgen leben wir noch heute. Auch zwei Jahrzehnte später ist die Produktivität der Wirtschaft in Ost und West nicht auf demselben Niveau.

Ich bin regelrecht dankbar und stolz darauf, Zeitzeuge zu sein

Meine prägendste persönliche Erinnerung an die Wiedervereinigung ist ein Strafmandat über 20 D-Mark wegen Falschparkens, ausgestellt ausgerechnet in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989. Diese Erinnerung trage ich bis heute immer bei mir.

Nach den ersten Nachrichten im Fernsehen über die Öffnung der Mauer war ich mit meiner Familie im Auto zur Invalidenstraße in Berlin geeilt, um selbst hautnah dabei zu sein. In dem allgemeinen Chaos wird italienisches Parken kein Problem sein - dachte ich jedenfalls und parkte meinen Wagen, wo man offenbar nicht hätte parken dürfen.

Den Irrtum bemerkte ich gegen zwei Uhr nachts, als Polizei und Abschleppmannschaft schon dabei waren, meinen Wagen zu verladen. Ich hatte nämlich eine Lastwageneinfahrt zugeparkt.

Zum Glück blieb es beim Strafmandat. Kaum war der Weg freigemacht, verließ ein Lkw das Gelände. Auf der Plane Schering-Werbung. Ausgerechnet ich, der Vorstandsvorsitzende der Schering AG, hatte die Auslieferung von Medikamenten nach Westdeutschland blockiert.

Das alles ist mir so gut in Erinnerung, weil die Deutsche Wiedervereinigung auch für einen gebürtigen Italiener und Wahl-Berliner wie mich ein ganz großes Erlebnis war und immer bleiben wird. Ein Geschehen, das man nie vergisst. Ich bin regelrecht dankbar, ja ich bin richtig stolz darauf, ein Zeitzeuge der Wende zu sein.

Und deshalb erzähle ich auch immer gern diese kleine Anekdote. Weil sie mein persönliches Empfinden ausdrückt, weil sie aber auch die irrationale Situation einer Stadt wie West-Berlin deutlich macht: drei Millionen Menschen rundum eingeschlossen von einem anderen Staat mit einem vollständig anderen politischen und wirtschaftlichen System.

Seite 1:

„Ossis und Wessis – das ist Geschichte“

Seite 2:

Seite 3:

Kommentare zu " Guiseppe Vita: „Ossis und Wessis – das ist Geschichte“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%