Gutachten
Kassen sollen teure Medikamente nicht mehr erstatten

Das Gesundheitsministerium erwägt eine Neuausrichtung des Arzneimittelmarkts. Einem am heutigen Dienstag veröffentlichten Gutachten zufolge sollen Krankenkassen Listen mit Arzneimitteln gleicher Wirkung aufstellen. Mittel, die nicht auf dieser kassenspezifischen Positivliste stehen, würden nicht mehr erstattet. Damit wächst der Druck auf die Pharmafirmen.

HB BERLIN. Längerfristig könne der Wettbewerb bei Kassen und Herstellern in die Richtung des neuen 455-Seiten-Gutachtens des Berliner Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung gehen, sagte Gesundheitsstaatssekretär Klaus Theo Schröder. Demnach sollen Pharmafirmen durch die Positivlisten unter Druck gesetzt werden, mit Rabatten ihre Präparate für die Kassen attraktiv zu machen.

Der Mannheimer Volkswirt Eberhard Wille, der oberste gesundheitspolitische Regierungsberater, erläuterte, Firmen wären geneigt, für ihre Mittel hohe Rabatte zu gewähren, wenn eine Kasse dafür andere Mittel derselben Wirkung nicht mehr erstattet. „Das sind praktisch Preisverhandlungen.“ Heute gelten Festbeträge, also Höchstpreise, die die Kassen für einzelne Mittel bezahlen. Diese könnten dann abgeschafft werden. Der Duisburger Wirtschaftswissenschaftler Dieter Cassel sagte, so könne ein „enormes Einsparpotenzial“ erschlossen werden.

Nach Angaben von Staatssekretär Schröder wird das rund 200 000 Euro teure Gutachten im Ministeriums-Auftrag nicht nur „in die Ecke“ gestellt. Bereits die geplante Gesundheitsreform ziele auf mehr Wettbewerb und Vertragsverhandlungen ab. „Was durch die Reform angestoßen ist, kann sich durchaus in diese Richtung entwickeln.“ Eine Ministeriumssprecherin erläuterte, Positivlisten würden „auf keinen Fall“ kommen. Diesen Angaben zufolge sollen die Kassen künftig zwar verstärkt Rabattverhandlungen führen, aber anders als vorgeschlagen Medikamente nicht selbst aus ihrem Leistungskatalog ausschließen dürfen.

Die Gutachter sehen vor, dass ein völlig unabhängiges Gremium künftig neue Mittel zunächst bewertet. Mittel ohne deutliche Vorteile im Vergleich zu existierenden Medikamenten sollen einer Gruppe vergleichbarer Mittel zugeordnet werden, aus denen die Kassen ihre Positivlisten zusammenstellen können. Dem Gutachten zufolge sollen Mittel mit eindeutigem Zusatznutzen weiter von allen Kassen erstattet werden. Nach Angaben des Bremer Gesundheitsexperten Gerd Glaeske wurden 2005 durch die Verschreibung teurer Medikamente ohne Zusatznutzen Versichertengelder in Höhe von drei Milliarden Euro verschwendet.

Wille sagte, in anderen Ländern sei der Arzneimittelmarkt zwar stärker reguliert, doch gebe es in Deutschland „ein Gestrüpp von Regulierungsinstrumenten“. Dies trage zu einem negativen Image des deutschen Pharmastandorts bei, berichteten die Forscher aus Gesprächen mit Vertretern größerer Unternehmen. Im Vergleich zu großen Pharmastandorten wie den USA, Großbritannien und Frankreich habe sich die Wertschöpfung der Pharmabranche in Deutschland seit 1990 am schwächsten entwickelt. In Bezug auf die Produktion sei der Rückstand deutlich geringer. Die Forscher schlagen darüber hinaus mehr Wettbewerb bei den Apothekern durch variable Handelsspannen vor.

Vor wenigen Wochen hatte bereits der Gemeinsame Bundesausschuss, das höchste Entscheidungsgremium der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, entschieden, eine ganze Gruppe von Arzneimitteln aus Kostengründen vom Leistungskatalog der Krankenkassen zu streichen. Betroffen ist das bei Alterszucker schnell wirksame Insulin-Analoga, das 30 bis 60 Prozent mehr kostet als das bislang üblicherweise verabreichte Humaninsulin.

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