Gymnasium und "Stadtteilschule": Der Trend geht zum zweigliedrigen Schulsystem

Gymnasium und "Stadtteilschule"
Der Trend geht zum zweigliedrigen Schulsystem

Die Hamburger Schulsenatorin Alexandra Dinges-Dierig (CDU) plant den großen Wurf bei der Schulstruktur: Statt heute sechs Schularten sollen die Hamburger Kinder künftig ab Klasse fünf nur noch die Wahl zwischen dem Gymnasium und einer „Stadtteilschule“ haben.

BERLIN. Noch ist das nicht Beschlusslage in der Union der Hansestadt. Doch Dinges-Dierig ist sich sicher: „So schaffen wir es, die große Gruppe der leistungsschwachen Schüler zu fördern.“

Damit verstärkt sich der Trend zum zweigliedrigen Schulsystem, der vor allem aus Ostdeutschland kommt. Zwar hatte auch die OECD nach den schlechten Pisa-Ergebnissen mehrfach das deutsche System aus drei oder mehr Schularten als ineffektiv kritisiert. Doch die Kultusminister blockten jede Diskussion über die Struktur ab – eine Neuauflage der verbissenen ideologischen Gesamtschuldiskussion der 70er-Jahre wollten auch SPD-Politiker nicht.

Vorbild für Dinges-Dierig sind vor allem Sachsen und Thüringen. Dort gibt es nur Gymnasien und Mittelschulen, auf denen sowohl der Hauptschul- als auch der Realschulabschluss möglich ist. Vor allem Sachsen hat gute Erfahrungen gemacht. Bei Pisa 2 schaffte es der Freistaat überraschend auf einen Platz oberhalb des OECD-Durchschnitts. „Offenbar gelingt es der Mittelschule dort sehr gut, die Schüler auf ein hohes Grundniveau zu bringen“, lobte der deutsche Pisa-Koordinator Manfred Prenzel.

Auch Sachsen-Anhalt hat mittlerweile nur noch zwei Schularten. In Brandenburg machte man aus der Not eine Tugend: Weil die Schülerzahlen dort teilweise um bis zu 50 Prozent einbrachen, legte Kultusminister Holger Rupprecht (parteilos) die neben den Gymnasien existierenden Real- und Gesamtschulen 2005 zu Oberschulen zusammen. Im Westen kennt man ähnliches bislang nur im kleinen Saarland: Dort gibt es neben den Gymnasien und einigen wenigen Gesamtschulen nur noch die „erweiterte Realschule“, in der die Hauptschule aufging.

In Hamburg herrscht derzeit noch ein Wirrwarr von sechs Schularten: Zu den drei Klassikern gesellen sich integrierte Haupt- und Realschulen, Gesamtschulen und Aufbaugymnasien. „Das führte dazu, dass die Kinder hin- und hergeschoben wurden, ohne dass es wirkliche Unterschiede gab“, berichtet Dinges-Dierig.

Den geplanten Sprung zur puristischen Zwei-Schulen-Struktur begründet Dinges-Dierig pädagogisch: „Von den Erziehungswissenschaftlern wissen wir inzwischen, dass Kinder im Prinzip auf zwei Arten lernen: theoretisch-abstrakt oder eher pragmatisch. Stark vereinfacht könnte man sagen: Den einen reichen die Einzelteile eines Bausatzes, um ein Modellauto zusammenzusetzen. Die anderen brauchen eine vernünftige Anleitung, um alles ineinander zu stecken. Für diese zwei Gruppen benötigen wir unterschiedliche Schulformen, alles andere muss nicht sein.“ Auch die Stadtteilschule soll jedoch eine gymnasiale Oberstufe erhalten.

Auslöser waren für die Hamburger die miserablen Ergebnisse der zweiten Pisa-Studie. Bei der ersten war das Land wegen zu geringer Beteiligung nicht berücksichtigt worden. 2005, als die nationale Ergänzungsstudie die einzelnen Bundesländer analysierte, zeigte sich, dass der Anteil der leistungsschwachen Schüler unter den 15-Jährigen in der Hansestadt bei dramatischen 35 Prozent liegt. Diese Gruppe ist dadurch charakterisiert, dass sie von insgesamt sechs Kompetenzstufen maximal die unterste erreicht – de facto also nicht richtig lesen und schreiben kann.

„Das birgt gewaltiges gesellschaftliches Konfliktpotenzial“, warnt Dinges-Dierig, „denn diese Kinder haben kaum Aussicht auf eine Beschäftigung.“ Bundesweit liegt der Anteil immerhin noch bei 24 Prozent – im Schnitt der OECD sind es gerade mal fünf Prozent. Laut Dinges-Dierig handelt es sich beim Hamburger Desaster um ein klassisches „Metropolen-Problem“. „Auch in Stuttgart oder Frankfurt wird die Hauptschule nur noch von maximal einem Fünftel der Kinder besucht – dort konzentrieren sich dann die Schüler aus sozial schwachen Familien.“ Gerade weil die Lage so dramatisch ist, baut die Senatorin auf schnelle Einsicht für die Radikalreform: „Ich hoffe, dass wir die Diskussion bis zur Wahl 2008 abschließen und in der nächsten Legislatur handeln können.“

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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