Gysi zum 3. Oktober 1990
„Es war keine Vereinigung“

Ein bisschen mehr DDR hätte dem wiedervereinigten Deutschland gut getan, meint Gregor Gysi. Im Interview moniert der Linksfraktionschef, dass man eigentlich nicht von einer Vereinigung sprechen könne.

BerlinIst für Sie der 3. Oktober ein Tag zum Feiern?

Im Kern schon, weil damit ein Krieg zwischen beiden deutschen Staaten und damit auch zwischen West- und Osteuropa ausgeschlossen wurde. Das ist der größte Segen, der damit zusammenhängt. Zweitens haben alle Ostdeutschen - mich eingeschlossen - ungeheuer gewonnen an Freiheit und Demokratie. Wir haben ein ganz anderes Dienstleistungsangebot, keine Mangelwirtschaft mehr. Und wir haben eine Währung, mit der man weltweit etwas anfangen kann. Insofern ist das für mich ein Grund zu feiern.

Was ist für Sie das größte Versäumnis der Wiedervereinigung?

Der mangelnde Respekt vor ostdeutschen Biografien, und die Einheit war für viele Menschen im Westen nicht mit einer Verbesserung ihrer Lebensqualität verbunden, obwohl das möglich gewesen wäre. Man hätte ja auch zehn Sachen aus dem Osten einführen können, zum Beispiel ein flächendeckendes Netz von Kindertagesstätten oder eine Kinderbetreuung an den Schulen auch nachmittags. Das hätte auch die Lebensqualität der Menschen im Westen verbessert und ihnen damit ein Einheitserlebnis beschert.

Ist Wiedervereinigung überhaupt das richtige Wort für das, was am 3. Oktober 1990 passiert ist?

Das war ein Beitritt, ein Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Wir hätten uns damals eine neue Verfassung durch zwei Volksentscheide geben können, dann wäre ein neuer Staat entstanden. Das wäre juristisch chancengleicher gewesen. Natürlich wurde der Osten vereinnahmt, vor allem die Wirtschaft. Da sind Chancen verpasst worden. Deshalb war es keine Vereinigung.

Ist die Einheit für Sie denn nach 25 Jahren vollendet?

Sie ist noch nicht vollendet. Es fehlen mindestens drei Dinge: Wirtschaftlich muss der Osten unbedingt aufholen. Da muss es eine spezifische Förderung zur Ansiedlung von Wirtschaft geben. Das Zweite ist: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit in gleicher Arbeitszeit. Das Dritte: Gleiche Rente für die gleiche Lebensleistung. Außerdem müssen wir mal aus dem Kalten Krieg heraus und uns die Dinge gelassener anschauen. Wir könnten einiges aus DDR-Zeiten übernehmen: Vielleicht war die Berufsausbildung mit Abitur keine schlechte Regelung. Vielleicht waren die Polikliniken auch nicht so schlecht. Der Zugang zu Kunst und Kultur etwa für Hartz-IV-Empfänger könnte auch erleichtert werden. Es gab in der DDR andere Strukturen, deren Übernahme sich zum Teil lohnen würde.

Wieviel SED steckt noch in Ihrer Partei?

Von der SED ist eigentlich nichts übrig geblieben, weil das ganze Herrschaftsdenken verschwunden ist, weil auch das Denken der reinen Lehre verschwunden ist. Besonders bei ehemaligen SED-Mitgliedern ist es verschwunden.

Zur Person: Gregor Gysi ist 67 Jahre alt und seit zehn Jahren Fraktionschef der Linken im Bundestag. Am 13. Oktober gibt er dieses Amt ab, bleibt aber Abgeordneter im Bundestag. 1989/90 war Gysi der letzte Vorsitzende der Sozialistischen Einheitspartei (SED) der DDR, bevor diese in Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) umbenannt wurde. Aus der PDS wurde später die Linkspartei und dann die gesamtdeutsche Partei Die Linke.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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