"Hässlicher Deutscher"
Schweizer Zeitung pöbelt gegen Steinbrück

Oskar Lafontaine musste da schon durch, Erika Steinbach ebenfalls. Jetzt ist es Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, der sein Gesicht nebst unschönen Worten auf der Titelseite einer ausländischen Boulevardzeitung wiederfindet.

HB DÜSSELDORF. War Lafontaine seinerzeit für die Briten „der gefährlichste Mann Europas“ und Steinbach für polnische Krawallblätter eine Art Nazi-Domina, ist Steinbrück nun „der hässliche Deutsche“. Sagt das Schweizer Boulevardblatt „Blick am Abend“ auf der Titelseite.

Die Zeitung findet, Steinbrück habe in seinem Kampf gegen Bankgeheimnis und Steuerparadiese mehrfach den kleinen Alpenstaat beleidigt. Das sieht sogar die Regierung so: Außenministerin Micheline Camly-Rey bestellte am Dienstag den deutschen Botschafter Axel Berg ein, um sich über Steinbrück zu beschweren. Und das bereits zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres.

Die Schweiz ist gerade dabei, das Bankgeheimnis zu lockern. Außenministerin Calmy-Rey will in den nächsten Tagen europäische Staaten über die Entscheidung des Schweizer Bundesrats informieren. Am 1. April kommt sie zu Beratungen nach Berlin.

Was Steinbrück zu „einem der meistgehassten Menschen in der Schweiz“ („Blick“) macht ist dessen angeblich andauernden Sticheleien gegen den vermeintlichen Steuerhinterzieher-Helferstaat. Steinbrück soll die Schweizer mit Indianern verglichen haben. Die würden von der Kawallerie – gemeint ist die OECD mit einer angeblichen Schwarzen Liste für Steueroasen – in Angst und Schrecken versetzt.

Dazu hieß es inoffiziell aus Berlin, das richtige Zitat habe etwa so gelautet: Die Kavallerie in Fort Yuma müsse nicht immer ausreiten, manchmal reiche es, wenn die Indianer wissen, dass sie da ist. Es habe sich nicht direkt auf die Schweiz bezogen.

„Im Steuerstreit mit der Schweiz fährt der SPD-Mann auf Konfrontationskurs“, schreibt das Blatt. „Seit Monaten wettert er gegen den ,nicht fairen Steuerwettbewerb’, den die Schweiz betreibe. Er drohte der Schweiz mit Peitsche und Strafen.“ Außenministerin Calmy-Rey wird mit den Worten zitiert, Steinbrücks Äußerungen seien „inakzeptabel, aggressiv und beleidigend“.

Selbst die deutsche Opposition kommt zu Wort. Grünen-Fraktionsvize Jürgen Trittin darf über Steinbrück sagen: „Er startete als Löwe und endete als Bettvorleger.“ Und der FDP-Angeordnete Carl-Ludwig Thiele kommentiert: „Zu meinen, ich bin Deutschland und der Rest der Welt hat zu kuschen, kann nicht richtig sein.“

Etwas entspannter sieht den Streit die „Neue Zürcher Zeitung“. „So unsäglich seine Entgleisungen sind – als Feindbild eignet sich Steinbrück dennoch nicht. Der Finanzminister hat seine Meriten.“ Ein hoher Sachverstand etwa und die Tatsache, dass er wenig auf die Meinung der Medien gibt. „Es stünde der Schweiz deshalb gut an, die Breitseiten des Hamburgers gelassen aufzunehmen, dafür aber verbal umso härter zurückzuschießen.“

Der ins Ministerium zitierte deutsche Botschafter Berg übrigens sagte am Mittwoch nur, er habe viele Reaktionen auch aus der Bevölkerung bekommen. „Ich verstehe, dass das für die Schweiz und die Schweizer eine besondere Bedeutung hat. Und dass sie sich betroffen fühlen, das verstehe ich.“

Nils Rüdel
Nils Rüdel
Handelsblatt / Deskchef Politik
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