Hamburger Bügerschaftswahl Grüne umarmen den Erzfeind

Mit überraschend großer Mehrheit hat die Grüne Alternative Liste (GAL) in Hamburg Koalitionsgesprächen mit der CDU zugestimmt. Doch die Entscheidung ist trotzdem kein Konsens. Auf der Landesdelegiertenkonferenz wurde bis zum Schluss hart verhandelt. Insbesondere die grüne Basis hat noch Bauchschmerzen bei der Annäherung.
"Viele haben die Schnauze voll von ritualisierter Politik". Mit harschen Worten sprach sich die Hamburger Bundestagsabgeordnete Krista Sager für Koalitionsgespräche mit der CDU aus. Foto: dpa Quelle: dpa

"Viele haben die Schnauze voll von ritualisierter Politik". Mit harschen Worten sprach sich die Hamburger Bundestagsabgeordnete Krista Sager für Koalitionsgespräche mit der CDU aus. Foto: dpa

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HAMBURG. Kurz vor halb neun hat die Harmonie in der heimeligen Aula der Max-Brauer-Schule in Hamburg-Altona ein Ende: „Wenn wir Sondierungsgespräche mit der CDU führen, dann entschuldige ich mich bei allen Wählern, mit denen ich geredet habe“, droht die kleine Frau mit dem grauen Dutt. „Dann gibt es in Hamburg nur noch eine Partei links von der SPD: die Linke, und eine zweite, eine grün gestrichene FDP“, setzt Ulrike Brandmeier dazu, „schade“.

Bis dahin hat es auf der Landesdelegiertenversammlung der Hamburger Grünen so ausgesehen, als ob Sondierungsgespräche mit dem langjährigen Erzfeind, mit dem CDU-Bürgermeister Ole von Beust, nur folgerichtig seien. Als ob die Grün-Alternative-Liste, wie die Grünen in der Hansestadt heißen, nicht gerade dabei wäre, eine neue Epoche für die Grünen einzuleiten. Als ob sie nicht stellvertretend für die Partei in der ganzen Republik das Experiment schwarz-grün zumindest antesten will.

Erfolgreich haben die Spitzenfrauen die Emotionen klein gehalten, den sachlichen Grundton angeschlagen. Spitzenkandidatin Christa Goetsch weiß, wie es die „grüne Seele“ schmerzt, „mit denen zu reden, die mal mit Schill an die Macht gekommen sind“. Doch sie will sich nicht vorwerfen lassen, es „nicht wenigstens versucht zu haben“ –„dann können wir immer noch erhobenen Hauptes in die Opposition gehen“. Die Landesvorsitzende Anja Hajduk bekennt das „komische Gefühl“, nach rot-grünem Wahlkampf jetzt mit den Schwarzen zu reden.

Aber: „Wenn wir uns nicht stellen, hätte das was von Wegducken, von Schwäche, und dafür haben wir keinen Anlass“, ermutigt die Haushaltspolitikerin aus dem Bundestag die gut 250 Delegierten im Saal.

Danach ist zwar viel von „Bauchschmerzen“ die Rede, von der „massiven Zwickmühle“, von der „Angst, dass wir unsere Seele verlieren“, in einer Koalition mit einer „Bande von wild gewordenen Kleinbürgern“ von der CDU. Von der Furcht, dass „sie uns Wortbruch vorwerfen“, den Austritt-Drohungen. Doch es bleibt hamburgisch zurückhaltend, angesichts der Bedeutung der schwarz-grünen Frage fast merkwürdig steif und ruhig.

Bis die Frau mit dem Dutt ihre Scham ausbreitet. Wenige Minuten später platzte Krista Sager der Kragen: Wenn die Hamburger Grünen jetzt kneifen und nicht einmal sondieren, „werden viele sagen: Ihr habt ja wohl nen Knall, ihr seid zu doof für Politik“, donnerte die mächtige Vizefaktionsvorsitzende der Bundestagsfraktion in den Saal. Natürlich haben manche „moralische Bedenken“, räumt die Frau ein, die in der rot-grünen Periode in Hamburg zweite Bürgermeisterin war. Aber „ganz viele haben die Schnauze voll von ritualisierter Politik“, redet sie den Zögerlichen ins Gewissen. Bundesparteichef Reinhard Bütikofer in der ersten Reihe verfolgt Kristas Predigt wohlwollend. Die Berliner Parteispitze hat drei Tage zuvor unisono den Weg für Gespräche frei gemacht.

Um Inhalte geht es nur am Rande in Altona. Die Streitpunkte – die Bildungspolitik, das Kohlekraftwerk Moorburg und die Elbvertiefung – sind ohnehin bekannt, kaum einer versucht sich an Vorfestlegungen.

Es geht um Moral und es ist ernst. Bis Krista Sager auf den Lieblingspartner SPD verweist: „Die regieren in Berlin mit der Linken, in Bremen mit uns, im Bund mit der CDU und in Rheinland-Pfalz mit der FDP – haben die irgendein Problem?“ Der Saal lacht befreit auf.

Und wagt schon mal ein bisschen Hoffnung: Die Hoffnung, dass die so unterschiedlichen Millieus sogar nützlich sein könnten. „Die SPD glaubt immer, wir hätten sie nur noch nicht richtig verstanden“, sagt Jörg Penner, Neu-Hamburger, der in Köln schon schwarz-grün probiert hat. Mit der Union sei klar, „dass die ihren rechten Rand und wir unseren linken Rand behalten müssen – das ist viel stressfreier als mit der SPD“.

Gegen neun Uhr zeichet sich ab: die Grünen werden „all ihren Mut zusammen nehmen“, wie ein Delegierter empfiehlt, und am kommenden Mittwoch mit Ole von Beust reden. Die Entscheidung fällt dann eindeutig. Am Donnerstag werden sie sich wieder treffen und weiter ringen, ob sie auch Koalitionsverhandlungen wagen.

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