Hamburger SPD-Kandidat Naumann
Ein Philanthrop auf Abwegen

Michael Naumann will für die SPD die Wahlen in Hamburg gewinnen und Ole von Beust als Ersten Bürgermeister ablösen. Also steigt der Ex-Staatsminister aus dem Elfenbeinturm herab und begibt sich auf Expedition in den Alltag. Eine Handelsblatt-Reportage.

HAMBURG. Der Kandidat ist ganz unten angelangt. Im Bunker. Zerbrochene Fenster, verschmierte Fassaden. Hinterm "Lavagrill" an der Hauptstraße weht eisiger Wind."Taubenfüttern verboten!" "Fußballspielen strengstens verboten!" Die deutschen Nachbarn und die Fremden in der Wohnanlage "Legiencenter" haben sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner ihres Daseins geeinigt. Er heißt: "Bunker". Darin hausen sie zusammen mit Sinti und Roma, Hartz-IV-Empfängern, Türken, Albanern, mit all jenen, denen die Politik das Etikett "Migrationshintergrund" verpasst.

Der Bunker war mal ein LuftSchloß der Sozialdemokratie. Das Backstein-Verlies galt als Vorzeigeprojekt der Stadt. Bei der Einweihung in den 70er-Jahren wurden die 7 000 Sozialwohnungen durch den herbeigeeilten Bundeswirtschafts- und Finanzminister Helmut Schmidt geadelt. Das "Hamburger Abendblatt" jubelte: "Mümmelmannsberg: eine gute Adresse." Am Tor zur Welt schien die soziale Gerechtigkeit Anker gelegt zu haben.

Jetzt ist wieder ein Sozialdemokrat auf Expedition in den Alltag, durch Hamburgs eher finstere Gefilde. Michael Naumann, 66, Ex-Verleger, Journalist und Kulturstaatsminister, will Ole von Beust (CDU) am 24. Februar als Ersten Bürgermeister ablösen. Da kein Thema die Hansestadt elektrisiert, besinnt sich Naumann auf das Soziale, die Ungerechtigkeit und das unversöhnliche Oben und Unten in der reichen Stadt. Nicht erst seit der Hessen-Wahl spürt er starken Aufwind. Womöglich trägt der ihn gar ins Amt. Umfragen sehen Schwarz hinter Rot-Grün.

"Hamburg soll für alle zusammenwachsen", intoniert Naumann seine Kampagne. Er will für sie "alle" zwischen Blankenese und Harburg da sein, nicht nur für die Gutbetuchten. Der Kandidat selbst trägt heute im Bunker, seine sonstigen Gepflogenheiten fliehend, kein gutes Tuch. Stattdessen einen leicht abgewetzten, dunkelbraunen Mantel. Einzelne Fäden hängen lose herab. Er ist beeindruckt von den Berichten der Sozialarbeiter, die von der Kappung der Mittel, Bildungsausgaben und von hungrigen Kids reden. So beeindruckt, dass er die Kinder adoptiert: In seinen Reden tauchen sie später als anonyme Patenkinder auf. Sie legen Zeugnis davon ab, dass mitten im feinen Hamburg Kinder ohne Frühstück und Schulbrot dahindarben.

Die Sozialarbeiter hält der Kandidat mit unzähligen fürsorglichen Fragen in Schach. So schnell lädt er seinen Fragenrevolver durch, dass sich seine inquisitorische Neugier nur noch in seiner höchst elaborierten Sprachwelt des Intellektuellen entladen kann und andere ausschließt. Naumann begehrt Auskunft über die "Testosteron-Generation", die "postpubertäre Generation", moniert, Investoren seien "keine Philantropen". Dr. Journalist und Mr. Politiker: Der eine fragt, und der andere muss um keine Antwort verlegen sein. Am Ende greift er zu einem Sprachbild, mit dem der Freiheitskämpfer Simón Bolivar die globale Mühsal, wie sie Sozialarbeiter schultern, pries: "den Ozean pflügen".

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