Handelsblatt-Aktion
Erhards Kompass für die Kanzlerin

Als Weihnachtsüberraschung schenkt das Handelsblatt seinen Lesern Ludwig Erhards Buch „Wohlstand für alle“. Die Analysen haben nichts an Gültigkeit verloren, schreibt Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart im Vorwort.
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Das Handelsblatt hat in einer exklusiven Edition Ludwig Erhards Buch „Wohlstand für alle“ neu aufgelegt. Wer uns die Nummer seines Abonnements und seine Lieferanschrift schickt (hb.aboservice@vhb.de) oder im Zeitungshandel eine Ausgabe der Zeitung kauft, erhält Ludwig Erhards Klassiker „Wohlstand für Alle“ in einer attraktiv gestalteten Neuauflage geschenkt. In seinem Vorwort kritisiert Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart die aktuelle Wirtschaftspolitik und fordert eine Rückbesinnung auf die Leitbilder Erhards.

„Der Deutsche entfaltet in der Stunde der Not höchste Tugenden. Die Frage bleibt, ob er im gleichen Maße den Stunden des Glücks gewachsen ist.“

Es ist, als ob der Vater des Wirtschaftswunders früh schon geahnt hätte, was 48 Jahre nach seiner Kanzlerschaft passieren würde: Jene Tugenden, denen Deutschland seinen wirtschaftlichen Erfolg und seine soziale Balance verdankt, sind nicht mehr gefragt. Die Ordnungspolitik eines Ludwig Erhard, die auf fairem Wettbewerb, unternehmerischer Freiheit und dem Mitgefühl gegenüber den Verlierern der Gesellschaft gründete, ist aus der Mode gekommen. Ausgerechnet in den Stunden des volkswirtschaftlichen Glücks –Deutschland ist ein weltweit bewunderter Wohlfahrtsstaat –wird der Gründungsvater der Sozialen Marktwirtschaft verraten. Verraten durch Vergessen.

Politik ohne Prinzipien gilt plötzlich in allen Parteien als modern. Die Wähler will man nicht überzeugen, sondern kaufen. Anstelle der Marktkräfte kommen die filigranen Techniken der Umverteilung zum Einsatz. Und wenn der Regierung dafür die nötigen Finanzmittel fehlen, wendet sie sich vertrauensvoll an die Banken, die sie mit jenem Wirklichkeit vergrößernden Stoff versorgen, der sich Kredit nennt. Unter diesen bastardisierten Verhältnissen – Staaten retten Banken, Banken retten Staaten und wenn beide nicht mehr weiter wissen, gehen sie zur Notenbank – erleben wir eine wundersame Wohlstandsvermehrung, die nur den Nachteil hat, dass sie keinen Bestand haben wird.

„Die Menschen haben es zwar zuwege gebracht, das Atom zu spalten, aber nimmermehr wird es ihnen gelingen, jenes eherne Gesetz aufzusprengen, das uns verbietet, mehr zu verbrauchen, als wir erzeugen.“

Genau das aber versuchen derzeit alle Regierungen des Westens, auch die deutsche. Der Schuldenstand der Euro-Staaten hat sich nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers um 53 Prozent gesteigert. Die Staatsverschuldung bewegt sich in 13 von 18 Euro-Staaten außerhalb dessen, was im Vertrag von Maastricht als Obergrenze verabredet war. Auch Deutschland sündigt: Allein in der Ära der Angela Merkel wuchs der Schuldenberg um weitere 550 Milliarden, was in etwa dem neunfachen Jahresgewinn aller DAX-Konzerne im Jahr 2013 entspricht.

Man testet das eherne Gesetz des Ludwig Erhard, selbst um den Preis, dass unser Währungsgefüge darüber in Unordnung gerät. Deutschland ist unter den vielen Sündern zwar der am wenigsten sündhafte. Doch die Bewunderung, die uns weltweit zuteil wird, sagt mehr über die Bewunderer aus als über uns. Das Modell Deutschland, von dem allenthalben die Rede ist, ist ein Modell auf Abruf. Die Bedingungen, denen wir unseren Aufstieg verdanken, werden bald schon auf ihre Belastbarkeit getestet.

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  • Zitat: "Anstelle der Marktkräfte kommen die filigranen Techniken der Umverteilung zum Einsatz."
    Genau das ist der Knackpunkt unserer Misere. Die Volksbeglückung hat Einzug gehalten. Jeder kleinsten Pressure- Group wird nachgegeben, um nur ja nicht ein paar Wählerstimmen zu verprellen. Zitat: "Die Wähler werden nicht mehr überzeugt, sondern gekauft."

    In meinem Bücherschrank steht Erhards Buch seit den achtziger Jahren. Schon damals versuchte man umzusteuern- ohne Erfolg. Und ich befürchte, dass auch dieser neuerliche Versuch zum Scheitern verurteilt sein wird, weil von der Sozialen Marktwirtschaft nur noch das Soziale übrig geblieben ist.

  • Für viele Menschen denke ich, ist der Drang zur Nationalstaatlichkeit nicht im Widerspruch zu Europa und auch nicht im Widerspruch zu den Friedensbemühungen der Nachkriegszeit, sondern zum einen dem von diesen Kreisen eingeforderten Subsidiaritätsprinzip geschuldet (Stichwort: wo mischt sich Europa/EU überall ein bzw. ist es zuständig – und wo nicht) und zum anderen auch dem demokratischen Verständnis geschuldet nachdem andere Völker Eu-ropa´s ebenso ein legitimes Selbstbestimmungsrecht für ihre Interessen, ihre Meinung, Tradi-tionen, Lebensweisen haben und diese auch umsetzen dürfen auch wenn sie den Thesen Er-hards entgegen stehen – so wie wir die Thesen Erhard´s hochhalten und umsetzen dürfen.

  • Vielen vielen Dank Herr Steingart für diese wahren Worte und die Mahnung an die Deutschen und Ihre Politik gerade in dieser Zeit. Ob sie in unseren Zeiten des Niedergangs des Bürgertums, der bürgerlichen Werte und auch unserer Demokratie ankommen ist jedoch leider offen. Es wäre höchste Zeit, dass (wieder), wie von Roman Herzog 1997 gefordert, ein Ruck durch Deutschland geht.

    In einem Punkt muss ich jedoch Widersprechen bzw. ergänzen: „Nicht wenige träumen den Traum von Separation und Autonomie, einem zurück zu D-Mark und Kleinstaaterei. Auf Ludwig Erhard können sich diese Menschen nicht berufen. Erhard war Europäer. Er warnte vor denen, die dem Nationalstaat huldigten und der politischen Nostalgie verfallen waren.“
    Ich denke der Drang gerade aus Bürgerlich-konservativen Kreisen nach Nationalstaatlichkeit resultiert im Wesentlichen aus zwei Faktoren:
    Einerseits einer EU, die sich äußerst bürokratisch, undemokratisch, intransparent, bürgerfern und oftmals auch gerade in den von ihnen angesprochenen und in vielen anderen der im Buch angesprochenen Thesen ebenfalls äußerst konträr und reformmüde gibt
    Zum zweiten der Einsicht, dass die Thesen Erhards und die soziale Marktwirtschaft zwar in Deutschland weit bekannt und gerade von bürgerlichen Kreisen hoch gehalten werden, in anderen Staaten, z.B. Frankreich, Italien, Griechenland etc. hier jedoch ganz andere Vorstellungen herrschen die mit den Thesen Erhard´s nicht oder kaum vereinbar sind.

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