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Atomkraftwerk als Kaltreserve wird teuer

Als energiewirtschaftlichen Unsinn bezeichnen die Grünen den geplanten Einsatz eines Reservekraftwerks. Nach Angaben aus Regierungskreisen könnte das Vorhalten eines Meilers etwa 50 Millionen Euro kosten.
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BerlinDer geplante Einsatz eines alten Kernkraftwerks als Reservekraftwerk für die kommenden beiden Jahre stößt auf heftige Kritik. „Eine teurere Variante als das Vorhalten eines Kernkraftwerks zur Sicherstellung der Versorgung ist kaum vorstellbar. Insofern ist die von der schwarz-gelben Koalition geplante Regelung energiewirtschaftlicher Unsinn, der alle Stromkunden teuer zu stehen kommt“, sagte Ingrid Nestle, energiewirtschaftliche Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, dem Handelsblatt.

Im Anfang vergangener Woche vom Kabinett verabschiedeten Eckpunktepapier „Der Weg zur Energie der Zukunft“ heißt es, eines der Kernkraftwerke, die nach dem Moratorium nicht wieder ans Netz gehen, müsse „noch bis Frühjahr 2013 als Reservekraftwerk zur Verfügung stehen“. Dadurch sollen „Gefahren für Sicherheit und Stabilität der Stromversorgung“ abgewendet werden. Das Kernkraftwerk soll immer dann kurzfristig zugeschaltet werden, wenn die Kapazitäten der restlichen Kraftwerke nicht mehr ausreichen, um die Stromversorgung aufrecht zu erhalten. Allerdings ist ein Atommeiler als Reservekraftwerk nur zweite Wahl. Der Plan der Bundesregierung war daher kritisiert worden. Auch die Betreiber selbst sind skeptisch. In Branchenkreisen heißt es, es dauere „gut zwei Tage“, ein Kernkraftwerk vom Ruhezustand in den Leistungsbetrieb hoch zu fahren.

Wie teuer das Vorhalten eines Meilers ist, ermitteln die Betreiber derzeit. In Regierungskreisen wird von Kosten in Höhe von 50 Millionen Euro ausgegangen. „Ein Kernkraftwerk wird eben nicht dadurch wesentlich billiger, dass es keinen Strom produziert. Die Belegschaft bleibt im Einsatz, die Wartung muss fortgesetzt werden, die Sicherheit muss gewährleistet sein“, sagte Nestle. Die Grünen-Politikern schlägt Alternativen zu der von der Bundesregierung ins Auge gefassten Lösung vor: „Im Ernstfall muss man große Verbraucher aus der Industrie abschalten und sie dafür anständig vergüten. Die Unternehmen können sich darauf vorbereiten und sprechen sich sogar für diese Vorgehensweise aus“, sagte Nestle. Durch geschicktes Lastmanagement könnten zwei Kernkraftwerke kurzfristig ersetzt werden.

In der Industrie rennt Nestle damit offene Türen ein. „Industrielle Großverbraucher bieten an, durch schnellen Abwurf großer Lasten zu helfen“, sagte Martin Kneer, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Metalle (WVM). Freiwillige Verträge mit angemessenen Vergütungen seien der richtige Lösungsweg. Zwangsabschaltungen dagegen lehne man ab. Kneer verwies auf eine interfraktionelle Initiative von Union, FDP, SPD und Grünen aus dem Sommer vergangenen Jahres zur Vergütung zu- und abschaltbarer Lasten. Die Initiative zeige einen praktikablen Weg auf, der noch auf eine Umsetzung warte.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent

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