Handelsblatt-Interview
Lambsdorff: Nie bereut, ein Neoliberaler zu sein

Otto Graf Lambsdorff, Urgestein und Ehrenvorsitzender der FDP, verrät im Handelsblatt-Interview, warum er in die FDP und nicht zur Union gegangen ist, wer aus seiner Sicht die aktuellen Hoffnungsträger der FDP sind und warum er sich gerne als Neoliberaler bezeichnen lässt.

Handelsblatt: Graf Lambsdorff, wie haben Sie vor 60 Jahren die Gründung der FDP erlebt?

Graf Lambsdorff: Ich bin vor 57 Jahren in die FDP eingetreten. Reicht Ihnen das, um Bilanz zu ziehen?

Das reicht. Warum sind Sie damals zu den Liberalen gegangen und nicht zur Partei Konrad Adenauers?

Drei Gründe waren für mich ausschlaggebend. Ich war schon damals der Überzeugung, dass die FDP die Soziale Marktwirtschaft stabiler und zuverlässiger vertritt als die CDU mit dem Ahlener Programm. Dann habe ich die damalige Schulpolitik der Christdemokraten in Nordrhein-Westfalen für falsch gehalten. Mich hat die Einführung der Konfessionsschule, getrennt nach katholisch und evangelisch, enorm gestört. Damals war ich zudem ein Befürworter des Zentralismus und nicht des Föderalismus. Da habe ich aber inzwischen dazugelernt und meine Ansicht korrigiert.

Alle Parteien unterliegen dem Wandel. Was ist in der FDP an Inhalten verlorengegangen, was Ihnen damals wichtig war.

Das habe ich mich bei der Vorbereitung meiner Rede heute zur 60-Jahr-Feier auch gefragt. Eigentlich ist nicht viel verlorengegangen. In den ganzen Jahren gab es je nach politischer Lage immer ein Wechselspiel zwischen unseren beiden Markenkernen: die Bürgerrechts- und Menschenrechtsfragen und die Wirtschafts- und Finanzpolitik. Die Wiedervereinigung hat über viele Jahrzehnte eine wesentliche Rolle gespielt, genauso wie die Hinwendung der Liberalen zu Europa. Die Liberalen haben sich nicht verändert.

In den 1970er- und 1980er-Jahren galt die FDP aber als ausgesprochene Reformkraft. Heute ist die Stimme der Liberalen nur noch selten laut zu hören. Haben sich die Zeiten geändert - oder doch die FDP?

Es ist einfach zu sagen, dass früher der Reformeifer ausgeprägter war. Die FDP ist immer eine Reformpartei geblieben, auch wenn sie in den Medien als Oppositionspartei nicht so präsent sein kann. Sie will auch heute noch das Steuerrecht erneuern oder auch bei ganz neuen Themen wie der Klimapolitik einschneidende Veränderungen vornehmen. Bei der Großen Koalition kommt überhaupt keine richtige Reform zustande. Trauriges Beispiel: die Gesundheitsreform.

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