Handelsblatt-Interview
Sommer: „Merkel macht Politik gegen die Arbeitnehmer“

DGB-Chef Michael Sommer zum Verhältnis der Gewerkschaften zu Union und SPD, der Zukunft der Tarifverträge und dem Streit um Mindestlöhne. Ein Handelsblatt-Interview.

Handelsblatt: Edmund Stoiber plädiert für die 40-Stunden-Woche als Richtgröße. War die 35-Stunden-Woche ein Irrtum der Geschichte?

Sommer: Das zeigt leider, wie sich Edmund Stoiber immer wieder von einigen radikalisierten Arbeitgeberfunktionären vor den Karren spannen lässt. Die 35-Stunden-Woche war weder ein Irrtum der Geschichte noch ist sie den Arbeitnehmern geschenkt worden. Die Gewerkschaften haben für sie zu Beginn der achtziger Jahre hohe Preise bezahlt. Produktivitätsfortschritte wurden nicht in erster Linie für höhere Löhne genutzt, sondern für kürzere Arbeitszeiten. Ohne diese Politik hätten die riesigen Produktivitätssprünge zu noch weit mehr Arbeitslosen geführt.

Aber heute müssen immer mehr Unternehmen die Arbeitszeit verlängern, um international konkurrenzfähig zu bleiben und Arbeitsplätze in Deutschland zu halten.

Es kann für einzelne Betriebe in einer akuten Notlage sinnvoll sein, wenn länger gearbeitet wird, aber gesamtwirtschaftlich gilt das Gegenteil: Längere Arbeitszeiten erhöhen die Zahl der Arbeitslosen. Was wir brauchen ist mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit.

Geschäftsleitungen und Betriebsräte einigen sich auf Abweichungen vom Flächentarif, um Standorte und Beschäftigung zu sichern. Bleibt den Gewerkschaften eine andere Wahl, als diesen betrieblichen Bündnissen zuzustimmen?

Nach drei Jahren Stagnation sind die Gewerkschaften in einer schwierigen Situation. Bei Betrieben, denen es wirklich schlecht geht, haben wir Abweichungen vom Flächentarifvertrag immer zugestimmt. An uns wird kein Betrieb kaputtgehen. Aber es gibt auch Arbeitgeber, die nur die Gunst der Stunde nutzen wollen. Und manche Funktionäre ihrer Verbände wollen das Rad der Sozialgeschichte insgesamt zurückdrehen. Das werden die Gewerkschaften nicht mitmachen.

IG-Metall-Vize Berthold Huber hat zweistufige Tarifabschlüsse vorgeschlagen, bei denen die zweite Stufe auf Betriebsebene ausgehandelt wird. Ist das die Tarifpolitik der Zukunft?

Das können nur die Einzelgewerkschaften mit Blick auf ihre Branche beantworten. Die Antwort auf Strukturfragen sollte aber nicht vor dem Hintergrund von wirtschaftlichen Krisensituationen gesucht werden. Die Arbeitgeber sollten bedenken, dass sich die betriebliche Lohnfindung anders stellt, wenn die Unternehmen wieder um Arbeitskräfte konkurrieren. Dann wird in den Betrieben der Ruf nach höheren Löhnen laut, und die Arbeitgeber werden sehr schnell wieder auf Branchenregelungen drängen.

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