Handelsblatt-Report
Die Mitbestimmer

In diesen Wochen wählen Millionen Arbeitnehmer Betriebsräte. Die sind einflussreicher denn je und entscheiden mit über Sanierungspläne und Fusionen. Steckbrief einer Profession zwischen Chefetage und Werkshalle.

KÖLN. Seit Anfang März ist jeder Werktag ein Wahltag in Deutschland. Ob bei Siemens, Daimler-Chrysler, M-real Zanders oder weithin unbekannten Maschinenbauern auf der schwäbischen Alb: Millionen Mitarbeiter in über 100 000 Unternehmen wählen bis Ende Mai neue Betriebsräte.

Alle vier Jahre wieder erneuern Deutschlands Unternehmen einen Teil ihrer Regierungen. Das sind seit langem große Koalitionen aus Inhabern und Managern auf der einen und den Betriebsräten auf der anderen Seite. So regelt es seit 1952 das Betriebsverfassungsgesetz mit 132 Paragrafen und exakten Vorgaben über Zeit und Modus der Wahlen.

Seitdem sind die Ansprüche an die Betriebsräte enorm gewachsen. In Großkonzernen – mit SAP dürfte bald auch der letzte Dax-Konzern einen Betriebsrat bekommen – ist das Mitregieren zwar schon länger Routine. Ob Milliarden-Übernahmen wie bei Eon oder Standortsicherung wie bei Ford in Köln: Ohne die Kooperation kompetenter Betriebsräte ist Unternehmensführung beinahe unmöglich geworden. Aber auch in Mittelstand und öffentlichem Dienst werden die Räte immer mehr zu wichtigen Co-Managern.

Denn: Betriebsräte können Manager piesacken – auf 47 Arbeitnehmer kommt bundesweit ein Betriebsrat. Und doch ist der Klassenkampf aus der Mode – wenn auch der Verdi-Streik derzeit anderes suggeriert.

„Das Verhältnis von Arbeitgeber und Betriebsrat ist in der Mehrzahl der Fälle partnerschaftlich und von vertrauensvoller Zusammenarbeit geprägt“, sagt Roland Wolf, Leiter der Abteilung Arbeitsrecht bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA).

Ein Grund: Die Betriebsräte sind in der Defensive. Die Globalisierung bedroht nicht mehr nur tarifvertragliche Pinkelpausen, sondern immer öfter die Existenz der Firma. „Die Zeiten, in denen es bei den Betriebsratswahlen darum ging, dass der Eisautomat in der Cafeteria klemmt, die sind vorbei“, sagt Frank Eschenauer, Betriebsratschef beim Papierhersteller M-real Zanders in Bergisch Gladbach.

Betriebsratswahlen bestimmen mit über die Unternehmensführung und werden so zu Schicksalswahlen. Da verhandelt Udo Schäfer von den Eisenwerken Brühl einen Standortsicherungsvertrag. Da kämpft Peter Densborn von den Kölner VerkehrsBetrieben für eine Fusion. Und da sucht Zanders-Betriebsrat Frank Eschenauer nach neuen Investoren.

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