Handelsblatt-Reportage
Die Unvollendete

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte einen neuen Regierungsstil versprochen. Doch die Männer wollen lieber nach ihren eigenen Regeln spielen.

ISTANBUL / BERLIN. Es ist wie verhext. Kaum ist Angela Merkel zurück in Deutschland, da hakt es schon wieder. Genauer gesagt, klemmt es mitten auf dem Rollfeld auf dem Flughafen Berlin-Tegel.

Die Bundeskanzlerin will nach der anstrengenden Türkei-Reise endlich nach Hause. Aber die vordere Tür des betagten Regierungs-Airbus „Konrad Adenauer“ will sich partout nicht öffnen. Journalisten frotzeln, in Anspielung auf den berühmten Rüttel-am-Zaun-Spruch ihres Vorgängers Gerhard Schröder: „Jetzt ruft sie bestimmt: ,Ich will hier raus.’“

Natürlich hat Angela Merkel das nicht gesagt. Aber die Frotzelei passt zur Stimmung, die sich im Berlin der großen Koalition breit macht. Dabei hat die Kanzlerin gerade souverän einen heiklen Türkei-Besuch hinter sich gebracht, wo sie als CDU-Chefin eine „privilegierte Partnerschaft“ vertreten, als Kanzlerin aber an den beschlossenen EU-Beitrittsgesprächen festhalten musste. Der Spagat gelang.

Doch das zählt schnell nicht mehr. In Berlin scheint nicht die Sonne wie am Bosporus. Merkel ist zurück in den Tiefen der innenpolitischen Regierungsarbeit – die eigentlich die Höhen ihrer Kanzlerschaft bilden sollten. Anderthalb Tage hatte sie keine Krisentelefonate zur Gesundheitsreform führen müssen. Doch nun empfängt sie die geballte Unzufriedenheit. Der Äther ist voller nörgelnder Koalitionäre, schweigender Unionsländerchefs und einer Umfrage, die einen weiteren Absturz ihrer Partei und einen weiteren Aufschwung der SPD konstatiert.

Der neue, nüchterne, sachorientierte Stil nach dem Motto „nachdenken, beraten, entscheiden“, den Merkel ins Regierungsgeschäft einführen wollte, beeindruckt die koalitionären Schwergewichte immer weniger. Das nährt der Eindruck von Chaos und Führungslosigkeit. Schon unkt mancher, dass die Bundeskanzlerin auch deshalb so zerrieben wird, weil sie kein Bundeskanzler ist.

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