Handelsblatt-Reportage
„Et hätt noch immer jot jejange“

Pünktlich zum Papst-Besuch kriecht der Kölsche Klüngel wieder durch die Stadt. Dieses Mal im Mittelpunkt: der Neubau der vier neuen Nordhallen der Messe. Mehrere Großinvestoren wenden sich mittlerweile angewidert von der Stadt ab.

KÖLN. Er wird sie alle bewundern können, die Kölner Sehenswürdigkeiten. Wenn Papst Benedikt XVI. heute um 16.45 Uhr bei Kapitän Willi Drof an Bord der „MS Rhein-Energie“ geht und den Rhein flussaufwärts fährt, kommt er zunächst am Hafen mit seinen neuen Museen vorbei, dann erscheint links Groß Sankt Martin und schon bald auch der Dom. Schließlich geht es weiter zur Hohenzollernbrücke, wo am rechten Rheinufer der Blick fast zwangsläufig auf die Messe und ihren überragenden Turm fällt.

Der Papst wird den Gläubigen zuwinken und sicher nicht daran denken, dass ganz Köln in diesen Tagen nur über drei Themen diskutiert: den gelungenen Start des FC in die Bundesliga, den Besuch des Kirchenoberhaupts und die allzu weltlichen Vorgänge um den Neubau genau jener Messe, für den sich nun sogar die Staatsanwaltschaft interessiert: Die hat unter dem Aktenzeichen 115JS62/05 „im Zusammenhang mit den Vorgängen um die Errichtung und Vermietung der Messe ein Ermittlungsverfahren wegen möglicher Untreue gegen den Oberbürgermeister und weitere noch zu ermittelnde Verantwortliche eingeleitet“.

260 Millionen Euro sollen die vier neuen Nordhallen der Messe kosten. Ihr Bau ist notwendig, weil der Fernsehsender RTL sich ab 2008 auf dem Gelände breit machen will und tüchtig Platz für Verwaltung und Studios braucht.

Alles kein Problem, wäre das Projekt nicht derart teuer und der Neubau ordentlich ausgeschrieben worden. Genau das aber ist offenbar nicht geschehen, und so bietet die Baustelle im Stadtteil Deutz den Stoff für eine Neuauflage des Klassikers: „Der Kölsche Klüngel“.

Damit ist jenes Urprinzip rheinischer Wirtschaft gemeint, in der über Jahrzehnte ein Geflecht aus Unternehmen und Politik gewuchert ist. Ein System, das sich zum Wohle aller Beteiligten auf gegenseitige Bekanntschaft und Hilfe stützt, das für niemanden wirklich sichtbar existiert, ohne das aber in der Stadt wenig läuft.

Diesmal indes könnten alle Beteiligten die kölsche Lebensweisheit „Et hätt noch immer jot jejange“ („Es ist noch immer gut gegangen“) zu arg strapaziert haben. Vor allem das Volk ist aufgebracht, weil sich die Bürger der Millionenstadt selbst als Opfer sehen. Mehrere Einwohner haben Anzeige erstattet, weil sie vermuten, dass sich Stadt und Investoren mit dem Messeprojekt auf Kosten der Steuerzahler bereichern. Die Folge: nahezu täglich neue Schlagzeilen über Korruption und Vetternwirtschaft, ein immenser Imageschaden für alle Beteiligten, der diesmal sogar finanzielle Konsequenzen haben könnte: Denn schon haben mehrere Großinvestoren angekündigt, die Domstadt künftig zu meiden – aus Furcht, dort nicht mehr erfolgreich arbeiten zu können, ohne selbst Teil des rheinischen Netzes zu sein. Ein hochrangiger Vertreter der Wirtschaft sagt: „Im Moment läuft hier alles aus dem Ruder.“

Je mehr Details bekannt werden, umso offenkundiger wird, dass es sich bei den Vorgängen um einen wahrhaften Wirtschaftskrimi handelt, der Platz bietet für gleich drei Hauptrollen.

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